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in: Weimarische Zeitung, Heft 245, Samstag, 18. Oktober 1890, Rubrik »Konzerte«, S. 1

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth

Am Montag Abend fand unter der Leitung des Herren Kapellmeisters Strauß das erste Abonnementskonzert in dieser Saison statt. Dasselbe war, wie wir nicht anders erwartet hatten, sehr gut besucht. Eingeleitet wurde es durch die Oberon‑Overtüre, die auch denjenigen, welche dieselbe schon früher in gleich vollendeter Ausführung von unserem Orchester zu hören Gelegenheit gehabt haben, sicherlich darum keinen geringeren Kunstgenuß bot. Herr Zeller sang sieben Lieder, zwei von Thuille, zwei von Strauß und drei von Ritter. Die des erstgenannten, im ganzen noch wenig bekannten Komponisten boten nichts Hervorragendes, wenn auch nicht verkannt werden soll, daß die Stimmung des zweiten in der Komposition glücklich zum Ausdruck kam. Besonders gefiel uns das erste Lied von Strauß, dessen Charakter, gleichsam ein Aufjauchzen aus übervollem Herzen, auch der Vortragsweise des Sängers am meisten entsprach. Das zweite, in der Komposition eigenartig und geistreich, wirkte überraschend durch den frappirenden Schluß, der dem Zuhörer ein inneres Lachen abzwingt. Gegenüber dem Heineschen Gedicht »Erklärung« (Nordseebilder VI) waren wir einigermaßen gespannt, wie der Komponist seine schwierige Aufgabe gelöst haben würde, schwierig deshalb, weil es fraglich erscheinen kann, ob das Ungeheuerliche, Titanenhafte des Gedankens in dem eng begrenzten Rahmen des Liedes überhaupt zum Ausdruck gelangen kann; diese Schwierigkeit hat denn auch der Komponist nicht überwunden; dem vielverheißenden Eingang entsprach der zu kraftlose Mittelsatz und der Schluß nicht. Von einer liebenswürdigen Seite zeigte sich der Komponist in den beiden letzen Liedern,welche uns neben dem ersten Straußschen am meisten befriedigt haben. Herr Zeller, von dessen erfreulichen Fortschritt wir schon in der letzten Aufführung des »Faulen Hans« und des »Tannhäuser« – wir wollen dies hier besonders lobend hervorheben – mit Befriedigung Kenntniß nehmen konnten, erntete reichen Beifall; nur litt gerade an diesem Abend besonders zu Anfang sein Vortrag unter einer gewissen Unruhe. Mit besonderer Spannung sah man der Aufführung der Straußschen Tondichtung »Macbeth« entgegen, welche an diesem Abend aus der Taufe gehoben wurde. Da es nicht das Bestreben des Komponisten gewesen ist, eine durch harmonische und melodische Schönheit ausgezeichnete Tondichtung zu schaffen, sondern da er den Hauptschwerpunkt in die Charakterisirung verlegte, so war es an der Hand der Shakespeareschen Dichtung gegeben, daß seelische Konflikte und dramatische Pointen, an denen diese eben so reich ist, wie sie arm ist an seelischen Ruhepunkten, die Hauptmotive abgeben mußten. Die Tondichtung, welche von einem ungewöhnlichen Können Zeugniß ablegt und an das Orchester hohe Anforderungen stellt, wird bei einer einmaligen Aufführung nicht nach ihrem ganzen Werthe gewürdigt werden können, weil sie, wie schon aus dem Gesagten hervorgeht, eine eingehendere Vertiefung erfordert. Dies ist denn auch der Grund, weshalb der äußere Erfolg der Komposition der auf die Einstudirung der Komposition verwendeten Mühe nicht entsprach. Den Schluß bildete die III. Sinfonie (Eroica) von Beethoven, deren Wiedergabe eine musterhafte war und zur Begeisterung hinriß; bei einer im übrigen so vollendeten Leistung, der gegenüber man gern die kritische Feder aus der Hand legt, wollen wir denn auch der Abweichungen, die sich der Dirigent in den vom Komponisten vorgeschriebenen Tempi erlaubt, nicht weiter gedenken. Das Orchester und sein talentvoller Dirigent haben durch diese Aufführung von neuem bewiesen, daß Weimar ein Recht hat, auf sie stolz zu sein. Das Publikum spendete nach jeder Nummer reichlichen Beifall und ehrte am Schluß des Konzerts Herrn Strauß durch Hervorrufen.

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/b42608 (Version 2017‑03‑31).

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