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Sass., R.
[ohne Titel]
in: Neue Zeitschrift für Musik, Bd. 93, Jg. 64, Heft 48, Mittwoch, 1. Dezember 1897, Rubrik »Correspondenzen«, S. 529–530

relevant für die veröffentlichten Bände: III/5 Don Juan
Breslau, den 13. October 1897

Breslauer Orchesterverein.

Das erste in der Wintersaison 1897/98 vom Breslauer Orchesterverein veranstaltete Concert galt als Trauerfeier für Johannes Brahms. […]

27. Oct.

Ein abwechslungsreiches Bild bot das Programm des II. Orchestervereinsconcertes. Klassisches und Romantisches, Altes und Neues war hervorgesucht worden, um dem mannigfachen Geschmack Rechnung zu tragen. Als Einleitungsnummer hatte Herr Maszkowski die Ouverture »Iphigenie in Aulis« von Gluck mit dem Schlußsatze von R. Wagner gewählt. Diese Ouverture, mit welcher die deutsche Tonkunst auf dem Gebiete der Oper einst die französische und italienische Musik aus dem Felde schlug, bedeutete auch für diesen Abend einen entschiedenen Sieg. Herr Maszkowski verstand es, die gefährlichen Klippen des Werkes vorsichtig zu umschiffen. Der vielfach übereilte Allegrosatz wurde in einem Zeitmaß gespielt, daß das Hauptthema überall plastisch hervortrat. Auch die Oboenseufzer kamen ausdrucksvoll hervor und die graziösen Violinfiguren hoben sich von dem Ensemble der übrigen Instrumente wundervoll ab. Der Ouverture folgte eine Novität »Don Juan« symphonische [530] Dichtung im Anschluß an Lenau’s gleichnamiges Gedicht von Richard Strauß. Die mehr in das Gebiet des Verstandes-, als der Gefühls-Musik fallende Composition ist ein neuerliche Beweis von der genialen Schaffenskraft und der gewaltigen Leistungsfähigkeit des Autors: Ueberall Kühnheit der Combination und transcendentaler Schwung. Die Ausarbeitung, Fortführung und Steigerung der einzelnen Motive zeugt von geradezu beneidenswerther Geschicklichkeit. Musikalisch treffend ist die Liebesepisode zwischen Don Juan und der Gräfin dargestellt und ausgesponnen, nicht minder auch erfährt der Carneval mit seinen lärmenden Belustigungen eine treffliche Illustration. Genial tritt hier der Farbenreichthum seiner Instrumentation zu Tage. Immer neue Klangmischungen und Combinationen drängen sich in den Vordergrund. Die einzelnen Motive treten in contrastirende Wirkung zu einander. Harfen-Glissandi in fortlaufender Steigerung malen das Bild des von Lebensüberdruß gepeinigten Helden. Eine Steigerungsfigur markirt symbolisch den Sturz in den Abgrund, welcher durch einen 24 Takte langen Orgelpunkt charakterisirt wird. Auch die Todesscene ist musikalisch ergreifend dargestellt. Fagott und Trompeten bewegen sich in abwärts führenden Dissonanzen gegen die nach oben steigenden Vorhaltsakkorde, welche in einen lang ausgedehnten Dominant-Septimen-Akkord auslaufen. Den Schluß machte die VIII. Symphonie (F-Dur) von Beethoven. […]

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/b44019 (Version 2018‑01‑26).

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