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Brief
Richard Strauss an Franz Strauß
Montag, 11. Januar 1886, Meiningen

relevant für die veröffentlichten Bände: III/3 Aus Italien

[1r]

Liebster Papa!

Herzlichen Dank für Deinen lieben Brief; doch seit wann bist Du unter die Pessimisten gegangen, das geht ja doch über Schopenhauer; doch bin ich Dir sehr dankbar für Deine guten Ratschläge u. werde sie ja nach Möglichkeit befolgen;

Um jedoch Deine Befürchtungen sogleich zu entkräften: Das Clavierquartett ist preisgekrönt in Berlin. Zwar habe ich noch keine directe Nachricht, doch wurde mir heute die Nachricht aus dem Berliner Börsencourier überbracht, der jedenfalls von seinem Correspondenten [1v] Oskar Eichberg, der Sekräter bei der Preisgeschichte ist, gut unterrichtet ist. 300 M. u. unter 24 Bewerbern! Daß das Quartett hier sehr gefallen hat, habe ich Euch ja schon geschrieben. Wenn sich eine Börsenzeitung zu müßigen Bemerkungen über die Sinfonie veranlaßt sieht, gut, es ist nur ein Glück, daß ich selbst wohl am besten weiß, wie ich zu componiren habe u. daß ich es mir nicht von so einem Schafskopf zu sagen lassen brauche, der, wenn er das könnte, was ich kann, nicht die Sinfonien anderer herunterreißen, sondern selbst Sinfonien schreiben könnte. Daß mich derartiges Geschwätz nicht berührt [2r] weißt Du ja längst. Ries u. Erler werden wahrscheinlich meinen Chor u. hoffentlich die Klaviervariationen drucken. Sie haben sich gestern Wanderers Sturmlied zur Ansicht ausgebeten.

200 M. von Spitzweg für die Lieder
300 M. Preis
300 M. hoffentlich von Ries für den Chor
u. noch400 M. von dem künftigen Verleger
des Preisquartetts
Summa1200 M.
- 1000 M. Sinfonie
200 M. Reinertrag. Siehst Du?

Italienische Reise! Juhu! Bist Du nun zufrieden? [2v] Ries u. Erler haben übrigens halb u. halb eine Suite für Orchester bei mir bestellt! Gelegentlich! An Perfall wie Levi habe ich dankend geschrieben u. nur für den Fall zugesagt, daß hier die Capelle reducirt wird. Bleibt die Kapelle beisammen, bleibe ich natürlich auch! Das Cherubinische Stück habe ich nicht vergessen, doch ist es nicht in der Bibliothek u. kann ich vorläufig an eine Aufführungen nicht denken. Heute habe ich die sehr hübsche Waldsinfonie von Raff u. 2 sehr schwache Sinfonien von Lassen probirt. Morgen werde ich Leinhos das Hornconcert blasen lassen u. an der Haroldsinfonie probieren. Besten Dank Euch für das Abschreiben der Kritiken. Ich bin wieder ganz wohl u. vergnügt.

Daß ich auf Deine Ratschläge nichts gebe, ist einfach [3r] falsch, doch mußt Du nicht gar so viel auf das Publicum u. die Kritik, die ja beide nichts verstehen, geben. Lessmann hat vollkommen Recht, seit langer Zeit ist dies eine Kritik, die mich wirklich gefreut hat. Daß meine so unhaydnsche u. unmendelsohnsche Sinfonie nichts besonderes für das Geheimrathspubliucum der Sinfoniesoiréen ist, wußte ich zuerst, doch ist sie nicht durchgefallen, sondern hat nur das mit der Brahmsschen Sinfonie das Schicksal einer lauen Aufnahme getheilt. Daß sich in dem von Gott Armor verfluchten Meinigen die Oase von ein paar lustigen Schauspielerinnen mit Freude begrüße, kannst Du mir nicht verargen, [3v] Du wirst doch nicht verlangen, daß das sonst so fidele Haus, Dein Sohn Richard, als Philister nach München zurückkommt. Griechischen Wein habe ich in der ganzen Woche 3 Dessertgläser getrunken, heißt man das Alkoholgenuß[?] übrigens ist Makrodaphne [sic] ein macedonischer Wein u. werde ich Dir zu Deinem Geburtstage schicken.

Die Pariser Karte ist offenbar eine Neujahrsgratulation des Verfassers von dem großen Artikel in dem d. französischen Blatte über mich.

Nächsten Freitag ist Hofball, gestern war der Herzog von Coburg zu Besuch hier, ihm zu Ehren [4r] war die Braut von Messina. Morgen »Salontiroler« von Moser, Donnerstag Veilchenfresser, heute Abend Gesangsverein, Cantate von Bach, vielleicht die Walpurgisnacht. Nun seid lustig u. vergnügt u. trinket einen tüchtigen Schluck auf das Wohl Eures

preisgekrönten R.

Herzliche Grüße an die liebe Mama, Dich u. Hanna.

Gute Unterhaltung auf dem I. Ball!

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Bayerische Staatsbibliothek (München), Signatur: Ana 330,I, Strauss, Nr. 65 (Autograph) (Transkriptionsgrundlage)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

Bibliographie (Auswahl)

  • Edition in Richard Strauss / Willi Schuh (Hrsg.): Briefe an die Eltern 1882–1906, Zürich, Freiburg (Breisgau), 1954, S. 78–80.
  • Genannt/Verzeichnet in Günter Brosche (Hrsg.) / Karl Dachs (Hrsg.): Richard Strauss: Autographen in München und Wien. Verzeichnis (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 3), Tutzing, 1979, S. 149.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d01693 (Version 2021‑04‑12).

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