Brief
Richard Strauss an Carl Hörburger
Montag, 11. Juni 1888 / Mittwoch, 11. Januar 1888 (fälschl.), München

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth, III/5 Don Juan
[1r]

Lieber Onkel!

Schon längst wollte ich an Dich schreiben, doch man bummelt u. bummelt und jetzt kam mein Urlaub dazwischen, vorher viel nötige u. unnötige Arbeit etc. Ich habe einen prachtvollen Aufenthalt in Venedig, (8 Tage), Padua (2), Bologna (3), Riva und Bozen (je 1 Tag) hinter mir u. war jetzt noch, von einer befreundeten Familie in Kempten, Bauamtsassessor Conradi animirt, 8 Tage in Kempten, denke Dir, von wo aus ich noch eine prachtvolle Partie nach Hohenschwangau gemacht habe, welches unter die wenigen Dinge gehört, die einem nach Italien noch Eindruck machen können. Das neue Schloß u. die ganze Landschaft gehört mit unter das Bezauberndste, was ich je gesehen habe. Schloß ist von außen herrlich, innen mit Ausnahme der oft recht dilettantischen Fresken sehr geschmackvoll u. schön. [1v] Die italienische Reise über alle Beschreibung. Die Musikausstellung in Bologna sehr mäßig, dagegen hat mich dort eine Tristanprobe sehr interessirt, (Tristan war am 2. Juni dort unter Leitung von Martucci u. hat kolossal gefallen), Orchester war vorzüglich, nur nicht genügend gedämpft, Sänger teilweise vorzüglich, Regie dagegen u. Darstellung sehr mäßig, Tristan war eben für die Italiener auch nur eine Oper (resp. Concertaufführung mit Dekorationen) wie eine von Bellini, die Idee des Dramas, welches Wagner will, war den Bolognesern ebenso wenig aufgegangen, wie bis jetzt noch den meisten Deutschen. Dagegen ist eines bemerkenswert: wie viel an herrlichem Bel canto im Tristan steckt, ist mir nie so deutlich zum Bewußtsein gelangt als in Bologna. Liegts an der Sprache, oder nur an der prachtvollen Tonverbindung u. Gesangskunst, die doch das kleinste Wörtchen Text auch deutlich zum Verständnis bringt, kurz und gut: der ganze Tristan war die prachtvollste Bel canto Oper, nach der die Herren Hanslick u. Spießgesellen stets so vergebens seufzen. Doch1 kom̅st doch heuer nach Baireuth? Jedenfalls aber im Som̅er zur [2r] Ausstellung hierher? Am 29. Juni ist die Première von Wagners Feen, nun höchstwahrscheinlich unter meiner Leitung; ich freue mich sehr, die Oper des 20 jährigen Wagner enthält prachtvolle Geschichten, in den Finale’s spukt viel Beethoven, sonst auch Weber u. Marschner, die Löwenkralle Wagners ist auch schon, besonders in den dramatisch erregten Scenen, ziemlich kräftig. An für mich neuen Sachen dirigire ich nächstens »Barbier von Bagdad«, »Iphigenie in Aulis«, wahrscheinlich »Fliegenden Holländer« etc. Ich war recht fleißig letzte Zeit: meine sinfonische Dichtung: Macbeth, mit der ich einen ganz neuen Weg betreten habe, ist mir, glaube ich, sehr gelungen; jetzt habe ich einen einsätzigen Don Juan (für Orchester) (nach Lenau’s Dichtung) entworfen u. mit den beiden Werken meine ganz ureigenste Bahn, zu der die italienische Fantasie die Brücke war, betreten. Mein Operntext: Guntram (ganz eigenster Erfindung) ist im ersten Entwurfe fertig, der zweite begonnen. Nächstens erscheint bei Aibl eine Violinsonate u. Lieder.

Mama erzählte mir von der Absicht des Herrn Burow [2v] ein sinfonisches Werk von mir aufführen zu wollen. Ich freue mich sehr darüber, würde Herrn Burow aber rathen, da die italienische Fantasie rasend schwer ist, vorerst vielleicht meine Fmollsinfonie op. 12 zu machen. Ich kann, gemäß einem Vertrag mit meinem Verleger, Herrn Burow das Material dazu leider nicht schenken, doch habe ich mit Spitzweg gesprochen u. stellt derselbe im Falle des Ankaufs des Stim̅enmaterials u. der Partitur Herrn Burow gegen Revers einen ausnahmsweise hohen Rabatt in Aussicht. Du bist vielleicht so gut, mir darüber näheres zu schreiben. A propos! Die Freudennachricht, daß die Tante Mathilde neulich gestorben ist u. gestern begraben wurde, hätte ich beinahe vergessen. Wenn wir ’was geerbt haben, wird Mamma Tante Bertha schreiben, wie viel!

Daß es Euch gut geht u. daß Ihr Mama so gut gepflegt habt, daß sie aussieht wie ein Granatapfel, hat mich bei meiner Rückkehr mit großer Freude erfüllt.

Nun, lieber Onkel, leb’ wohl! Schreib’ mir gelegentlich, was Du treibst u. musicirst, kom̅ bald hierher u. sei mit Tante Bertha u. den Kindern herzlich gegrüßt von

Deinem

Neffen

Richard.

Hanna ist Samstag, einer Einladung von Tante Johanna folgend, zu ihr in’s Bad Baden bei Zürich gereist.

[1v-2r] [kopfstehend:] Die Violinsonate dürfte sogar Onkel Knözinger gefallen; trotzdem ist sie, glaube ich, nicht schlecht!

1Gemeint ist: Du.
verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Bayerische Staatsbibliothek (München), Signatur: Ana 330, I, Hörburger, Nr. 7 (Autograph)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

    • Reproduktionen:

      • Ludwig-Maximilians-Universität (München), Sammlung: Forschungsstelle Richard-Strauss-Ausgabe, ohne Signatur (Transkriptionsgrundlage)

    Bibliographie (Auswahl)

    • Edition in Franz Grasberger (Hrsg.) / Franz Strauss (Mitarb.) / Alice Strauss (Mitarb.): Der Strom der Töne trug mich fort: Die Welt um Richard Strauss in Briefen, Tutzing, 1967, S. 40–41. Dort richtig datiert.
    • Verzeichnet in Günter Brosche (Hrsg.) / Karl Dachs (Hrsg.): Richard Strauss: Autographen in München und Wien. Verzeichnis (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 3), Tutzing, 1979, S. 243.
    • Auszug in Felix Hoerburger: Über einige Briefe von Richard Strauss an Franz Carl Hörburger, in: Hermann Dechant (Hrsg.) / Wolfgang Sieber (Hrsg.): Gedenkschrift Hermann Beck, Laaber, 1982, S. 201–208. Aufsatz mit Erläuterungen zum vorliegenden Brief, zu Personen (insbesondere Hörburger) und ihrem Verhältnis zueinander.

    Zitierempfehlung

    Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d01861 (Version 2018‑01‑26).