Brief
Richard Strauss an Johann Leopold Bella
Sonntag, 2. Dezember 1888, München

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth, III/5 Don Juan
[1r]

Mein lieber, sehr verehrter Herr Bella!

Ihr reizend liebenswürdiger Brief hat mir ungeheure Freude bereitet. In erster Linie überraschte mich höchlichst der Einblick in Ihr Hermannstädter Musikleben, den Sie mit durch Ihren ausgezeichneten Lisztartikel vergönnt haben. Also nach Siebenbürgen muss man gehen, um eine stilvolle Aufführung des Prometheus zu hören? Unsere großen Concertinstitute wälzen sich noch im̅er mit grunzendem Behagen in ewigen Wiederholungen von Juadas Maccabäus, Elias, Paradies u. Peri herum u. treiben unter heuchlerischer Maske der Classikerverehrung den herrlichsten Kunstbummel, indem sie Mozartsche u. Beethovensche [1v] Sinfonien in einer Weise aufführen, daß jeder Classikerverehrer von tiefstem Herzensgrunde aus (nicht aus Bequemlichkeit) sich mit Grausen abwendet. –

Wie wenige unserer heutigen, in edlem viersätzigen Formelwesen sich herumtreibenden Musiker haben das Wesen unserer herrlichen Musik ganz begriffen. Unserer »Musik als Ausdruck«, nicht als Hanslicksche »tönende Form«!

Nach der Bekanntschaft mit Ihrem Lisztartikel freue ich mich, in Ihnen einen so echten, wahren Musiker begrüßen zu können, wie wir sie heute so notwendig brauchen u. so selten finden.

[2r] Hinweg mit dem öden viersätzigen Formelwesen, dem seit der IX.ten kein neuer Inhalt mehr entsprossen ist; der musikalisch poetische Inhalt muß künftig die Form bestim̅en u. darin ist Liszt, anknüpfend an Beethoven’s Coriolan, Leonore III. etc., der Wegweiser für uns jüngere gewesen.

Auch ich habe in der Sonaten Form zu schaffen begonnen, jetzt habe ich in der Erkenntnis, daß in ihr nicht wahrhaft neues mehr zu sagen ist, mit ihr vollständig gebrochen u. habe in zwei großen sinfonischen Dichtungen: Macbeth u. Don Juan (letztere nach Lenau’s herrlicher Dichtung) mich ganz der Einsätzigkeit zugewandt in der Weise, daß der musikalisch poetische [2v] Inhalt meines Werkes die Form desselben schuf.

Mit jedem neuen Werke sich die eigene Form zu geben u. trotzdem nicht formlos zu werden, ist allerdings mühsamer, als mit Hülfe des alten, nach allen Seiten hin bereits ausgeweiteten Sonatengerüstes eine leidliche Sinfonie zu schreiben. –

Sie fragen mit Recht, warum ich mich Ihnen darüber so ausführlich mitteile? Weil Sie mich verstehen, das ersehe ich aus Ihrem Artikel; Sie haben jedenfalls Wagner’s Broschüre über »Liszt sinfonische Dichtungen«, »Die Overtüre« etc. gelesen! Aus Ihrer Bmollsonate ersah’ ich so deutlich, wie ein wundervoller poetischer Inhalt nach der Erscheinung ringt, unter dem Bann [3r] der einengenden vier sätzigen Sonatenformel (für Beethoven war sie größtenteils »Form«, nämlich der einzig mögliche Ausdruck seiner Gedanken) nicht zu voller, klarer Entwicklung gelangen kann. Drum wollen wir »Programmusik« (nur im Munde der übelgesinnten ein schlechtes Wort) schreiben, denn nach meiner Ansicht hat Beethoven nur Programmusik geschrieben, wenn er uns auch den poetischen Vorwurf, der das Entstehen seines Werkes veranlaßte, nur sehr selten mitgeteilt hat. – Vielleicht geben Ihnen meine nur sehr unvollständigen Zeilen eine Anregung! Haben Sie schon Orchesterwerke geschrieben? Ich bitte Sie dringend um baldige Zusendung Ihrer mir in Aussicht gestellten [3v] Compositionen, die mich aufs höchste interessiren. –

Nun aber will ich Ihnen noch vielmals danken für die liebevolle Art, mit der Sie sich für meine Compositionen interessiren; ich freue mich herzlich, daß Sie u. Ihre Musiker u. Sänger sich so sehr mit meinem Sturmlied befreundet haben. Vielen, vielen Dank für die große Mühe, die Sie meinem Werke zugewendet haben. [Hier] noch eines! Das Sturmlied ist sehr stark instrumentirt u. für einen sehr großen Chor berechnet. Ich überlasse es nun ganz Ihrem eigenen künstlerischen Ermessen, eventuell im Orchesterparte herauszustreichen (besonders in den Trompeten u. Posaunen), [4r] damit vor allem der Chor zur vollständigsten Deutlichkeit gelange. So könnte man ganz gut den 4. 5. 6. Takt nach F die Bläser ganz herauszustreichen unternehmen u. erst im 7. Takt das ganze Orchester mit dem Esduraccord einfallen lassen. Die ff u. f des Blechs werden Sie, glaube ich, sehr dämpfen müssen!

Wie gesagt, verfahren Sie hierin ganz nach eigenem Ermessen nach Maßgabe der Größe u. Stärke Ihres Chors! Ich gebe Ihnen volle Freiheit! Es ist aber das erste, daß der Chor zu möglichster Deutlichkeit gelange!

Nun leben Sie wohl! Haben Sie nochmals tausend Dank für Ihre Freundlichkeit u. schicken Sie mir bald Ihre Compositionen!

Mit den herzlichsten Grüßen

in aufrichtigster Verehrung

Ihr

RichardStrauss

P. s. Beiligender Artikel aus der Köllner Zeitung ist der einzige, den ich gefunden habe. Eine sehr gute Kritik über das Sturmlied ist diesen Som̅er im Fritscheschen Wochenblatt erschienen; ich schreibe heute noch um dieselbe nach Leipzig!

Von Buchstaben W bis X können die Trompeten auch gestrichen werden! etc.

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: [unbekannt] (Autograph)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

    • Reproduktionen:

      • Österreichische Nationalbibliothek (Wien), Sammlung: Handschriftensammlung, Signatur: Autogr. 141/99-5 Han (Transkriptionsgrundlage)

    Bibliographie (Auswahl)

    • Genannt/Verzeichnet in Günter Brosche (Hrsg.) / Karl Dachs (Hrsg.): Richard Strauss: Autographen in München und Wien. Verzeichnis (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 3), Tutzing, 1979, S. 280.
    • Edition in Dobroslav Orel, Ján Levoslav Bella: K 80. Narozeninám Seniora Slovenské Sudby (= Sborník Filosofickej Fakulty university Komenského v Bratislave, Bd. Rocnik II. Cislo 25. [8.]), Bratislava, 1924, S. 567–568.

    Zitierempfehlung

    Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d01878 (Version 2018‑07‑09).