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Brief
Richard Strauss an Hans von Bülow
Dienstag, 8. Oktober 1889, Weimar

relevant für die veröffentlichten Bände: III/5 Don Juan

Hochverehrtester Herr von Bülow!

Verzeihen Sie, daß ich Ihnen nicht schon längst für die freundliche Aufmerksamkeit, die Sie meinem »Don Juan« schenkten, und für die liebenswürdige Absicht, denselben in einer Probe durchspielen zu lassen, gedankt habe. Ich bitte Sie nur, entschuldigen zu wollen, daß ich Ihnen unkorrigierte Stimmen geschickt habe; ich hatte leider keine Zeit mehr, sie nachzusehen, ich hoffe jedoch, daß sie ziemlich korrekt sind, da sie vom Kopisten wenigstens revidiert sind. –

Ich bin hier1 in vollster und vorläufig sehr angenehmer Tätigkeit, habe Sonntag meinen ersten »Lohengrin« mit größter Begeisterung dirigiert und im allgemeinen eine sehr hübsche Vorstellung desselben zustande gebracht. Das Orchester ist gut und vor allem sehr willig, ebenso der allerdings minimal kleine Chor, auch die Sänger bringen mir viel Sympathien entgegen, so daß ich mich, nach den Proben zu urteilen, schon der Hoffnung hingab, sie würden mir den »Lohengrin« im Takt singen! Da hatte ich mich nun allerdings, bei der Hälfte wenigstens, gründlich getäuscht, am Abend gingen die Droschkenpferde ihren seit 20 Jahren altgewohnten Trab und ich dirigierte unten Rezitativ, daß es eine wahre Freude war.

Mein Schüler Zeller2 (Lohengrin) und auch Schwarz, der sich sehr viel Mühe gab, als Telramund können als rühmliche Ausnahme gelten. – Doch das rein Musikalische werde ich schließlich schon allein bezwingen, die Regie ist leider seit 20 Jahren hier so vernachlässigt, daß ich größte Mühe haben werde, die »Bühne« auf ein einigermaßen anständiges Niveau zu heben.

Doch mit Herrn von Bronsarts Hilfe, welcher ein von mir bis jetzt noch nicht gekanntes Ideal eines Intendanten ist, hoffe ich auch hier gründliche Besserung. Lassen3 ist ein sehr liebenswürdiger Kollege, der mir mit Ausnahme des »Fidelio«, »Meistersinger«, »Nibelungen« und »Holländer« das gesamte deutsche Repertoire abgetreten hat. Außerdem habe ich die 4 Abonnementskonzerte zu dirigieren.

Hier geht das Gerücht, daß Sie, hochverehrter Herr von Bülow, die Absicht haben, in nächster Zeit hier zum Besten der großh. Musikschule ein Konzert zu geben. Ist dies wahr? Oder ist es nur eine blasse Rennomage Müller-Hartungs4? –

Am Schlusse möchte ich noch eine Bitte – wirklich – wagen, – denn ich riskiere mit dem Aussprechen derselben Ihren Unwillen. Daß ich die Bitte trotzdem ausspreche, mag Ihnen Beweis sein, daß ich es nicht leichtsinnig tue. – Dieser Tage wird ein junger Musiker (o weh! werden Sie denken, belästigt mich Strauss auch noch mit fremden Menschen), einer meiner besten Freunde, Herr Friedrich Rösch5, der eigens zu dem Zwecke in Berlin ist, um Ihren Konzerten beizuwohnen, an Sie mit der Bitte herantreten, ob er nicht Ihren Proben beiwohnen darf. Rösch ist ein sehr bedeutender, vorzüglicher Mensch, der wirklich von Ihren Proben den größten künstlerischen Gewinn davontragen kann, und auf dessen Diskretion (er schreibt auch in keinen Zeitungen) vollständig zu rechnen ist, der Sie überhaupt in keiner Weise belästigen wird. Darf ich nun so frei sein, dessen Bitte zu unterstützen? Werden Sie mir nicht böse sein? Die Freundschaft überwiegt hier den Neid, daß nicht ich selbst es bin, dem der Genuß Ihrer Proben und Konzerte zuteil wird. Zwar hoffe ich sicher, zu einem oder zweien Ihrer Konzerte nach Berlin zu kommen, dabei bleiben leider noch 6 bis 8 Konzerte übrig, die ich nicht höre.

Nehmen Sie, hochverehrter Herr von Bülow, im voraus meinen herzlichsten Dank für den Fall, daß Sie die Bitte meines Freundes gewähren, und empfangen Sie die herzlichsten Grüße Ihres

in ausgezeichnetster Hochachtung

stets treu ergebensten

Richard Strauss

1Strauss hatte im September seine neue Stellung als 3. Großherzoglicher Kapellmeister in Weimar angetreten. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
2Heinrich Zeller sang 1894 in der Uraufführung von »Guntram« die Titelpartie. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
3Eduard Lassen (1830–1904), Dirigent und Komponist, 1858–1895 Hofkapellmeister in Weimar. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
4Karl Müller-Hartung (1834–1908), Opernkapellmeister in Weimar, wo er die großherzogliche Orchester- und Musikschule begründete. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
5Friedrich Rösch (1862–1925), Freund von Strauss seit der Gymnasialzeit, der spätere Mitkämpfer für die musikalischen Autorenrechte. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Meininger Museen, Sammlung Musikgeschichte, Max-Reger-Archiv (Meiningen) (Autograph)

    • Hände:

      • Richard Strauss
    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

Bibliographie (Auswahl)

  • Edition in Willi Schuh (Hrsg.): Richard Strauss Jahrbuch 1954, Bonn, 1953, S. 72–74.
  • Edition in Gabriele Strauss (Hrsg.): Lieber Collega! Richard Strauss im Briefwechsel mit zeitgenössischen Komponisten und Dirigenten, Bd. 1 (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 14), Berlin, 1996, S. 84–86 (Transkriptionsgrundlage).

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d01943 (Version 2018‑01‑26).