Brief
Richard Strauss an Eugen Spitzweg / Jos. Aibl [Musikverlag]
Donnerstag, 24. Oktober 1889, Weimar

relevant für die veröffentlichten Bände: III/5 Don Juan

[1r]

Lieber Freund!

Wie hat mich Dein lieber Brief hocherfreut! Die herzlichsten Glückwünsche zur vollen Genesung, ich wußte es ja, daß es wieder werden würde. Nun aber klug, Schonung! Die Arbeit nicht wieder übertreiben, sich hübsch zur rechten Zeit Urlaub gönnen, damit solch’ schlimme Dinge nicht wieder passiren, denn Du hattest Dich nur überarbeitet. Nun nochmals: dem glücklich wieder gesundeten die aufrichtig herzlichste Gratulation!

Daß Du mich hier besuchen willst, hat mich freudigst überrascht! Bülow ist am 13. November hier u. gibt ein Concert zum Besten der hiesigen Musikschule; am 11.ten habe ich mein zweites Abonnementconcert u. würde mich natürlich riesig freuen, Dich dabei zu haben. Daß Bülow [1v] meinen Don Juan aufführt, ist beinahe sicher. Schuch in Dresden führt ihn am 5. Januar auf, hier mache ich ihn ebenfalls. Nächsten Montag habe ich mein erstes Abonnementconcert u. mache: Ouvertüre: König Stephan von Beethoven

Sinfonie espagnole f von Lalo (Halir)
Nirwana
Lieder von Lassen, Ritter u. mir (Zeller)
Die Ideale von Liszt.

Nirwana imponiert dem Orchester ungeheuer! Ich fühle mich hier sehr glücklich! Herr von Bronsart ist der denkbar reizendste Intendant, Lassen der liebenswürdigste College u. ebenso wie Bronsart ein feiner Künstler; das Orchester ist gut u. mir aus vollem Herzen ergeben, auch von Seiten der Sänger habe ich das denkbar beste Entgegekom̅en gefunden, zudem sitzen im Orchester, wie auch unter den Sängern befinden sich vortreffliche Kräfte, so daß [2r] ich hier trotz der kleinen Verhältnisse die ersprießlichste Tätigkeit gefunden habe. Lassen hat mit beinahe das ganze deutsche Repertoire u. die ersten 4 Abonnementsconcerte abgetreten, mehr kann der Mensch nicht verlangen – ! Zudem habe ich die schönste freie Zeit zum Arbeiten u. werde ich in Bälde meine neue Orchestertondichtung: Tod u. Verklärung in Partitur fertig haben. Mein Operntext hat ebenfalls wieder Fortschritte gemacht, also alles ist in schönster Ordnung. Skat spiele ich ebenfalls mehr als nötig etc. etc. Weimar ist zudem eine reizend gelegene Stadt, Kritik gibt es gar nicht: das reinste Elÿsium!

Nun, lieber Freund, kom̅e nur recht bald in Person u. überzeuge dich vom Augenschein!

An Theaternovitäten habe wir das eherne Pferd von Auber (in der ausgezeichneten Humperdinkschen Bearbeitung), die [2v] »Trojaner« u. »Benedict u. Beatrice« von Berlioz, die beiden Opern von Alexander Ritter: »Der faule Hans« u. »Wem die Krone« in Aussicht, soeben studire ich »Iphigenie in Aulis«, Lassen die »Widerspenstige« von Götz neu ein. Letzten Dienstag hatten wir in komischer Darstellung die heilige Elisabeth von Liszt, Du siehst: das ist genug! Nun für heute leb wohl, lieber Freund! Grüße Deine liebe Frau u. Deinen Bruder bestens, u. sei selbst aufs herzlichste gegrüßt u. beglückwünscht von

Deinem getreuen Freunde

Richard.

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Münchner Stadtbibliothek (München), Sammlung: Monacensia, Signatur: Strauss, Richard A I/34 (Autograph)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

    • Reproduktionen:

      • Ludwig-Maximilians-Universität (München), Sammlung: Forschungsstelle Richard-Strauss-Ausgabe (Transkriptionsgrundlage)

    Bibliographie (Auswahl)

    • Genannt/Verzeichnet in Günter Brosche (Hrsg.) / Karl Dachs (Hrsg.): Richard Strauss: Autographen in München und Wien. Verzeichnis (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 3), Tutzing, 1979, S. 230.

    Zitierempfehlung

    Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d01948 (Version 2018‑01‑26).

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