Brief
Richard Strauss an Franz Strauß
Dienstag, 31. Dezember 1889, Weimar

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth
[1r]

Lieber Papa!

Also alle tausend schönen Wünsche für’s neue Jahr, wie’s am 31. Jan. eben üblich ist, als ob man seinen Lieben nicht das ganze Jahr über alles Gute wünschte. Momentan wünsche ich Euch (und mir) Befreiung von allen Katarrhs u. Influenza’s, welch’ letztere mich selbst seit 10 Tagen in höchst lästiger Weise gefangen hält. Ich habe starken Husten (rauche in Folgen dessen gar nicht), plötzlich Fieber, dann bin ich wieder einen Tag ganz gesund, es ist eine zu närrische, dum̅e Krankheit. Der Arzt hat mir das Ausgehen erlaubt. Schlim̅ ist’s nicht, nur fade; ich hoffe jedoch, daß die Geschichte ihrem Ende zuneigt. – Heute bin ich bei Bronsart eingeladen u. darnach bei Fl. von Schorn, [1v] Donnerstag habe ich Lohengrin, Samstag Figaro, Sonntag Waffenschmied, also zu tun in Hülle u. Fülle.

[…]

Warum soll ich denn meinen Macbeth nicht drucken lassen, u. warum, wenn Spitzweg kein Lust dazu hat, nicht bei Peters? Macbeth gehört zu Don Juan in meiner Entwicklung, wer sich für die interessirt, für den wird er gedruckt, die anderen können mir einfach gestohlen werden. »Die Feinde« [2v] werden sich verflucht wenig um Macbeth küm̅ern, wofür auch vieles gut ist, da derlei komplizirte Partitur nicht alle Professoren der Hochschulen etc. lesen können. Also, lieber Papa, darüber würde ich mir wirklich keine grauen Haare mehr – ausgehen lassen; von einem Außerachtlassen der Dankbarkeit für Spitzweg kann hier keine Rede sein, da ihm im̅er noch die Möglichkeit offen steht, Macbeth zu drucken, ich gebe ihm Tod u. Verklärung nicht her, bevor Macbeth erschienen ist. Um die diesbezüglichen Marotten eines mit so empfindlichen Ohren behafteten Bülow kann ich mich doch wahrlich nicht mehr küm̅ern.

Bum! Also herzliche Prosit Neujahr u. tausend Grüße u. Genesungswünsche an Dich, Mama u. Hanna

Euer

getreuer

Richard.

1Hier und im Brieftext von Strauss falsch datiert, gemeint ist: 31.12.1889.
verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Bayerische Staatsbibliothek (München), Signatur: Ana 330, I, Strauss, Nr. 168 (Autograph) (Transkriptionsgrundlage)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: 2014-12-04

Bibliographie (Auswahl)

  • Verzeichnet in Günter Brosche (Hrsg.) / Karl Dachs (Hrsg.): Richard Strauss: Autographen in München und Wien. Verzeichnis (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 3), Tutzing, 1979, S. 157.
  • Auszug in Willi Schuh: Richard Strauss: Jugend und frühe Meisterjahre. Lebenschronik 1864–1898, Zürich, Freiburg (Breisgau), 1976, S. 148.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d01975 (Version 2017‑03‑31).

Versionsgeschichte (Permalinks)