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Brief
Richard Strauss an Johann Leopold Bella
Montag, 3. März 1890, Weimar

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth, III/5 Don Juan

[1r]

Sehr verehrter, lieber Herr Bella!

Sie werden mir wohl sehr zürnen, daß ich so lange nichts von mir hören ließ; die erste Zeit nach Empfang Ihres interessanten Werkes fehlte es mir an Muße, ihnen darüber zu berichten, denn ich hatte in meiner neuen Stellung anfangs rasend zu thun u. bitte Sie herzlichst, mir meine Unhöflichkeit freundlichst zu verzeihen. Da ich keine Gelegenheit hatte, in den 4 Abonnementsconcerten, die ich Anfang der Saison zu dirigiren hatte, Ihr Werk mehr zur Aufführung zu bringen, habe ich dasselbe beim »allgemeinen deutschen Tonkünstlerverein«, dessen Vorsitzender mein Intendant, Baron von Bronsart, behufs Aufführung bei der diesjährigen Tonkünstlerversam̅lung in Eisenach (Mitte Juni) die ich zum größten Teile in ihren Concerten leite, eingereiht, warte aber, bei dem langwierigen Weg, den ein Werk bei der gesam̅ten musikalischen Comission des Vereines zu durchschreiten [1v] hat, bis heute auf einen Bescheid. Sobald ich denselben habe, werde ich Ihnen denselben zukom̅en lassen.

Was Ihr Werk betrifft (verzeihen Sie, wenn so ein schriftliches Urteil nicht so deutlich ausfallen sollte, als man es im mündlichen directen Verkehr, formuliren kann), so hat mich dasselbe durch seine Eigenart, d. h. die durchaus originelle Sprache, die Sie sprechen, im hohen Grad interessirt, um so mehr als mir die tragische, dichterische Grundidee sehr sympatisch ist. Ob dieselbe in ihrer musikalischen Ausführung eine so deutlich Gestalt gewonnen hat, daß sie bei der Aufführung auf unmittelbares Verständniß rechnen darf, wage ich allerdings zu bezweifeln. Wenn ich einerseits den Contrast der großen Gegensätze, des Schicksals u. des von ihm schließlich niedergezwungenen Ideals, nicht [2r] prägnant genug finde, so stehe ich den thematischen Gruppen, in die Sie ihr »Schicksal« gelegt haben, u. die zum Teil so merkwürdig kurzatmig u. zersplittert sind ist , daß sie sich nicht einmal in einem langen, furchtbaren Aufbau zu einer großen Katastrophe steigern, die man schließlich, da ein detailliertes Program̅, auf das man hier angewiesen ist, nicht beigegeben ist, – wohl erwartet, – aufrichtig gesagt, ziemlich verdutzt gegenüber u. weiß nicht recht, was ich mit ihnen anfangen soll.

Die Vertreter der heutigen Musik teilen sich doch zwei in Gruppen, die einen*, denen Musik »Ausdruck« ist und die sie als eine ebenso präcise Sprache behandeln wie die Wortsprache, aber allerdings für Dinge, deren Ausdruck eben der letzteren versagt ist, – die andern,** denen die Musik »tönende Form« [2v] ist, d. h. sie legen dem zu componirenden Werke, (die Form d. h. nicht mehr Form, sondern Formel der Classiker ruhig, gedankenlos beibehaltend), irgend eine allgemeine Grundstim̅ung unter u. entwickeln diese entsprungenen Themen nach einer ganz äußerlichen, musikalischen Logik, für die mir heute, da ich nur mehr eine dichterische Logik anerkenne, schon jedes Verständniß fehlt.

Program̅usik: – eigentliche Musik!

Absolute Musik: – ihre Verfertigung mit Hilfe einer gewissen Routine u. Handwerkstechnik jedem nur eingermassen [sic] musikalischen Menschen möglich.

Erstere: – wahre Kunst!

Zweite: – Kunstfertigkeit!

Nun hat ja merkwürdigerweise unsere heutige Musik ihren Ausgangspunkt von No. II genom̅en u. ist erst [3r] durch Wagner u. Liszt vollbewußt ihrer wahren Bestim̅ung zugeführt worden.

Wir heutigen jungen Musiker beginnen daher noch im̅er mit No. II, bis wir dahinter kom̅en, daß dies noch gar nicht Musik ist, sondern »der präciseste Ausdruck einer musikalisch poetischen Idee[«], die sich dann ihre Form erst selbst schaffen muß, jede neue Idee ihre eigene neue Form, die Grundbedingung eines musikalischen Werkes ist.

Nun stehe ich bei Ihrem Werke: »Schicksal u. Ideal« allerdings einer neuen, eigenartigen Form gegenüber, ohne mir aber über ihren ganz genauen Inhalt positive Rechenschaft geben zu können. Sind Sie, lieber Herr Bella, sich nun des genauen Inhaltes der schon so verschiedenartig aneindergereihten kleinen Themen, zwischen denen ich (innerhalb der »Schicksal«gruppe natürlich (denn über die großen allgemeinen Gegensätze des [3v] »Schicksals« u. »Ideals« bin ich mir ja klar), oft eigentlich keinen Zusam̅enhang finden konnte, – vollständig bewußt, so bitte ich Sie, belehren Sie mich u. teilen Sie mir ein detaillirtes Program̅, [so weit es eben in Worten möglich ist, mit eine musikalische Idee, die das innerste Wesen einer Empfindung, die der Wortdichter nur umschreiben kann, sowie einer dramatischen Entwicklung (die Musik löst auch die nunmehr überwundene Plastik, d. h. die in Stein u. Erz, in die lebendige Gebärde auf, siehe Wagner) – anzudeuten] – mit.

Da ich nun in der Deutung u. dem innerlichen Erfassen der Program̅usik, d. h. der wahren, einzigen Musik, ziemlich vertraut bin (in meinem eigenen Schaffen bin ich strengstens bemüht, meine musikalisch poetischen Ideen, nach ihrem deutlich Ausdruck hin zu vertiefen u. habe allen alten Zopfkram von sogenannter Form in meinen [4r] drei letzten Werken: 3 sinfonische Dichtungen: Macbeth, Don Juan (nach Lenau), Tod u. Verklärung, weggeworfen), fürchte ich fast, daß es Ihnen in diesem Ihrem Werke, das, wie ich höre 74 entstanden u. mehrere Male umgearbeitet worden ist, noch nicht so ganz gelungen ist, eine so ganz präcise Tonsprache zu sprechen, als eben notwendig, wenn man, wie Sie ganz richtig, auf die äußerliche, musikalische Logik in hergebrachter Formel verzichtet, u. die dringende Forderung unserer Kunstbestrebungen ist.

Hoffentlich, mein verehrter lieber Herr Bella, mißverstehen Sie mich nicht u. nehmen mir mein aufrichtiges Urteil, das mir nur meine innige Teilnahme an Ihrem künstlerischen Schaffen erpreßt hat, nicht übel, ich würde dies aus tiefstem Herzen bedauern.

Haben Sie nichts neues geschrieben? Aus Ihrer letzten Zeit? Kennen Sie Wagner in Ton u. Schrift genau? Waren Sie über[4v]haupt je in der Bayreuth?

Sollte, dies fällt mir eben ein, Ihr Werk nicht durch die großen Kürzungen, von denen Sie mir schrieben, an Deutlichkeit des Ausdrucks der dichterischen Idee verloren haben?

Bitte, lieber Herr Bella, lassen Sie dadurch, daß ich Ihr mir freundlichst anvertrautes Werk, daß ich eben ganz zur Program̅musik nehme, wenn ich es auch als solche für nicht ganz gelungen halte, so offen beurteile, nicht abschrecken, fleißig weiter [zu] schaffen u. mir vielleicht bald ein vollendetes opus zu schicken, zürnen Sie meinem Freimut nicht u. seien Sie der aufrichtigsten Teilnahme stets versichert

Ihres

treu ergebenen

RichardStrauss.

*[Bl. 2r:] Wagner u. Liszt [Originalanmerkung].
**[Bl. 2r:] z. B. Brahms [Originalanmerkung].
verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: [unbekannt] (Autograph)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

    • Reproduktionen:

      • Österreichische Nationalbibliothek (Wien), Sammlung: Handschriftensammlung, Signatur: Autogr. 141/99-6 Han (Transkriptionsgrundlage)

    Bibliographie (Auswahl)

    • Genannt/Verzeichnet in Günter Brosche (Hrsg.) / Karl Dachs (Hrsg.): Richard Strauss: Autographen in München und Wien. Verzeichnis (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 3), Tutzing, 1979, S. 280.
    • Edition in Dobroslav Orel, Ján Levoslav Bella: K 80. Narozeninám Seniora Slovenské Sudby (= Sborník Filosofickej Fakulty university Komenského v Bratislave, Bd. Rocnik II. Cislo 25. [8.]), Bratislava, 1924, S. 570–571.

    Zitierempfehlung

    Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d02123 (Version 2018‑07‑09).