Brief
Richard Strauss an Eugen Spitzweg / Jos. Aibl [Musikverlag]
Freitag, 25. April 1890, Weimar

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth
[1r]

Wilh Gericke Wien
Auff. Richters’
Porträts verbieten!
1

Lieber Freund!

Soeben fällt mir Dein letzter Brief in die Hand u. ich ersehe mit Schrecken, daß ich einige Fragen desselben noch nicht beantwortet habe. 1.) Den Auftrag an Svendsen (Kopenhagen?) habe ich, sowie ich mich erinnere, nicht gegeben.

2.) Die Lieder op. 19 werde ich Dir demnächst in der Ausgabe für tiefere (resp. mittlere) Stim̅e zusenden.

3.) Peters werde ich Macbeth für 1500 M. sam̅t Klavierauszug anbieten; Du reflectirst ja nicht auf das Werk?

In der Charwoche habe ich im Lisztverein meine Cellosonate gespielt. Fl. Herzog sang; »Hoffen u. wieder verzagen« u. »Wie sollten wir geheim sie halten« sehr schön u. mit Erfolg.

In der letzten hiesigen Kam̅ermusiksoirée sang Herr Gießen die ersten 4 von op. 19, die sehr gefielen.

Wärst Du eventuell bereit, diesem vortrefflichen Liedersänger nächsten Winter eine Liederbandtournée in München, Nürnberg etc. zu arrangiren? Vielleicht mit Thuille zusam̅en?

Ritters Opern »fauler Hans« u. »Wem die Krone« bringe ich noch Ende [1v] dieser Saison hier zur Aufführung. Hättest Du keine Lust, dazu hierher zu kom̅en u. »Wem die Krone«, ein wirklich ausgezeichnetes Werk zu drucken; ich möchte es Dir dringend empfehlen!!!

Noch eines: wärest Du so freundlich, die Notiz der nächsten Seite in den Münchner Theateranzeiger zu bringen? Du würdest mir einen großen Gefallen erweisen!

Ich arbeite jetzt an meinem Operntext!

Kom̅st du nicht zur Tonkünstlerversam̅lung 19. bis 22. Juni nach Eisenach? Ich dirigire mit Lassen, von mir wird »Tod und Verklärung[«] zum ersten Male aufgeführt u. d'Albert spielt wahrscheinlich meine ungeheuerliche Klavierburleske mit Orchester.
Herzliche Grüße

Deines

getreuen
RichardStrauss.

[2r] Im Hoftheater von Weimar kam unter Leitung von Kapellmeister Richard Strauss neu einstudirt u. ohne Strich Wagners Tannhäuser zur Aufführung u. erregte stürmischen Jubel. Heinrich Zeller, ein geborener Bayer, früher Lehrer in Landsberg,begabt mit einer wunderschönen Heldentenorstimme sang die Titelrolle zum ersten Male u. errang durch gesanglich wie darstellerisch die vollständige Beherrschung der eminent schwierigen Partie einen großen Erfolg.

Bei Mit vollständiger musikalischer Sicherheit u. stim̅licher Ausdauer verbindet sich bei Herrn Zeller eine hohe künstlerische Begeisterung u. ein großes Darstellungstalent, (seine Textaussprache ist gerade musterhaft) u. ist Herr Zeller jedenfalls berufen, in Kürze einer der besten Vertreter der großen Wagnerschen Heldenrollen zu werden.

(Mit Lohengrin u. Erik hat derselbe ebenfalls bereits großen Erfolg errungen u. wird nächsten Winter in Weimar auch den Rienzi, Loge, Siegmund u. Siegfried singen.)?

1Notiz von Eugen Spitzweg auf dem ihm zugegangenen Brief.
verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Münchner Stadtbibliothek (München), Sammlung: Monacensia, Signatur: Strauss, Richard A I/47 (Autograph) (Transkriptionsgrundlage)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
      • Eugen Spitzweg (handschriftlich)
    • Autopsie: 2011

Bibliographie (Auswahl)

  • Genannt/Verzeichnet in Günter Brosche (Hrsg.) / Karl Dachs (Hrsg.): Richard Strauss: Autographen in München und Wien. Verzeichnis (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 3), Tutzing, 1979, S. 231.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d02138 (Version 2017‑03‑31).

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