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Brief
Richard Strauss an Josephine Strauß
Dienstag, 14. Oktober 1890, Weimar

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth
[1r]

Liebe Mama!

Als Papa’s Brief mit der väterlichen Warnung, den Macbeth nicht mit der Eroica zusam̅en zu machen, kam, war’s leider schon zu spät, um es abzuändern, das Programm war schon gemacht. Nun, das kühne Wagniß ist wirklich gelungen u. mir hat das gestrige Concert einen Spaß gemacht, einen Höllenspaß, wie selten etwas! Das Publicum war sehr anständig u. hat mich sogar, trotzdem es keine Ahnung hatte (auch die Musiker) u. ihm das wirklich grausig tolle Stück unmöglich gefallen haben kann, zu einem recht stürmischen Achtungserfolge gezwungen. Aber die verdutzten Gesichter, von Bronsart, Lassen angefangen bis runter! Nur Arthur Seidel schien wirklich entzückt u. merkwürdigerweise das ganze Orchester, das, auch die ältesten, sehr begeistert war u. mir die größten Complimente machte u. auch das Werk mit großem Schwünge u. Feuer gespielt hat. [1v] Mir selbst hat das Werk sehr gut gefallen, wenn ich auch manches in der thematischen Arbeit etwas klarer wünschte; es ist mir mitunter schon der Gedanke aufgetaucht, einige Partien umzuinstrumentiren. »Wer weiß, was ich thu«!

Zeller hat famos gesungen u. hatte mit den Liedern des Leibenfrostkleeblattes, trotzdem sie alle Caviar für’s Volk waren, Beifall! Die Eroica ging sehr gut, trotzdem Bronsart u. Lassen mit meiner Aufführung »ihres« Beethoven gar nicht einverstanden waren. Es war aber doch schön! Papa wäre auch nicht einverstanden gewesen, das Publicum war’s! Donnerstag habe ich Zauberflöte, Sonntag sehr wahrscheinlich Lohengrin. Iphigenie, ist auf 26.ten verschoben! 9.ten November Meistersinger, 16.ten Tannhäuser, 17.ten 2. Concert, December Rienzi. –

Frl. de Ahna hat neulich als zweite Rolle die Anna im Heiling sehr gut u. mit Erfolg gesungen, doch ich vergaß, darüber werden Euch ja Ritters Töchter, deren Anwesenheit [2r] in Weimar mir eine große Freude war, erzählen! Sie haben mich gestern nach dem Concert mit einem reizenden Telegram̅ überrascht! Weingartner wird am 28.ten entweder Tod u. Verklärung oder Don Juan (ich habe ihn um letzteren gebeten) in Mannheim machen. Wenn’s irgend meine Moneten erlauben, die gegenwärtig etwas spärlich fließen, fahre ich am 20.ten zur ersten Aufführung von Liszt’s Elisabeth nach Carlsruhe, wo auch Frau Wagner sein wird.

Ich bin heute etwas müde; so ein Concert mit Hauptprobe ist anstrengender, als die größte Oper! Die Hornisten haben ihre Sache sehr brav gemacht, nicht ein Kix [sic]!

Den Operntext habe ich noch nicht ganz fertig in’s Reine geschrieben, so bald dies geschehen, schicke ich ihn Euch sofort!

Sonst geht es mir sehr gut u. hoffe ich das Gleich von Euch!

Leb wohl, liebe Mama, tausend Grüße an Dich, Papa Hanna

von

Deinem

R.

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Bayerische Staatsbibliothek (München), Sammlung: Handschriften, Signatur: Ana 330, I, Strauss, Nr. 199 (Autograph) (Transkriptionsgrundlage)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: 2014-10-16

Bibliographie (Auswahl)

  • Genannt/Verzeichnet in Günter Brosche (Hrsg.) / Karl Dachs (Hrsg.): Richard Strauss: Autographen in München und Wien. Verzeichnis (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 3), Tutzing, 1979, S. 160.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d02172 (Version 2017‑03‑31).