Brief
Richard Strauss an Ludwig Thuille
Mittwoch, 19. November 1890, Weimar

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth

Lieber Freund!

Verzeih’, wenn ich erst heute beiliegendes wichtige Dokument1 in Deine u. damit auch Ritters Hände gelangen lasse; ich konnte es nicht so schnell aus der Hand geben, das werdet Ihr begreifen, wenn auch Ihr es gelesen habt.

Ich richte den heutigen Brief direct an Dich, um Dich, beim Zipfel der Höflichkeit fassend, zu zwingen, mir wenigstens zu antworten, da Du ohne diesen Zwang doch nicht aus Deiner mit ziemlich gewissenhafter Consequenz festgehaltenen Schweigsamkeit zu reißen bist.

Zuerst eine Frage: besitzt Du die Partitur meiner Bläsersuite Bdur; dieselbe wurde von Boston aus von mir verlangt; bitte, schicke sie mir gelegentlich!

Ich habe zwei sehr anstrengende, aber genußreiche Tage hinter mir. Sonntag Tannhäuser, Montag Faustsinfonie, zu welchen beiden Siegfried Wagner2 eigens aus Berlin gekommen war. Er war sehr befriedigt von meinen Aufführungen, die auch durchaus gelungen waren, trotzdem Freund Zeller schlecht disponirt war. Rud. [Rudolf] von Milde3 hat als Gast mit famosem Vortrag den Landgrafen gegeben.

Wirklich sehr schön war die Ausführung der ja über alles herrlichen Faustsinfonie, wo mein kleines Orchester wirklich unglaubliches geleistet hat; ich habe meine Sache aber auch sehr gut gemacht und Ihr hättet auch Freude daran gehabt.

Bei dem ins Leben der Töne tretenden Lisztschen Werke ist mir so recht anschaulich wieder zum Bewußtsein gekommen, daß Liszt der einzige Sinfoniker ist, der auf Beethoven kommen mußte und auf ihn einen riesigen Fortschritt bedeutet. Alles übrige ist purer Dreck. Und selbst die Mehrsätzigkeit4, die er sonst nur im Dante5 angewandt hat, ist hier so notwendig bedingt und etwas so Wesentlich von der Beethovenschen Verschiedenes Neues! Die eigentliche dramatische Handlung geht ja erst im Mephisto vor sich und der ist ja auch erst die »sinfonische Dichtung«, die beiden großen Typen des Faust und des Gretchen sind dagegen so complicirt, daß ihre Darstellung nebst der dramatischen Entwicklung in einem Satze gar nicht möglich war. Daher als Exposition die beiden größten Stimmungsbilder, die je geschrieben (der Faust hat ja allerdings in sich auch eine gewisse Entwicklung), und die eigentliche dramatische Verwicklung im Mephisto.

Dabei ist die Verbindung der drei Sätze durch das Andeuten des Mephisto im ersten Satze, das Hereinspielen der Faustnatur ins Gretchen so meisterhaft, daß man vor Bewunderung gar nicht weiß wohin und dabei diese blühende Erfindung, diese Präcision im poetischen musikalischen Ausdruck, diese Sicherheit in der Instrumentation, es hört sich einfach Alles auf. Doch ich schwatze vielleicht vor lauter Begeisterung Unsinn; jedenfalls war’s herrlich! Und Ihr hättet dabei gewesen sein sollen! Ich habe eine Energie und Leidenschaft, und einen Rythmus entfaltet, daß das Theater wackelte; und dabei habe ich vor lauter Herumfuchteln und Turnen im Mephisto ein Seitenstechen bekommen, ein Seitenstechen, das nicht von schlechten Eltern war; beim ewig Weiblichen verlor sich’s wieder.

Siegfried ist mit tüchtigem Respect von Weimar heute Nacht 1/2 3 Uhr abgefahren, nachdem wir um 5 Uhr bei Lassen6 dinirt hatten und nachher bei Gießen7 Bowle getrunken hatten; ich schleppte um 3 Uhr die zwei besoffenen Tenoristen vom Bahnhof nach Haus, wobei der Heldentenor lyrisch und der lyrische Tenor in seiner Betrunkenheit zum Helden wurde. Siegfrieds Anwesenheit hat mir große Freude bereitet. Er ist ein liebenswürdiger, feinerzogener Mensch, der Kopf, Herz und Mund am rechten Fleck hatte. In einem Streite mit Lassen und Gießen über Berlioz, wofür diese beiden übertrieben schwärmen, hat er ohne meine Beihülfe das richtige Verhältnis zwischen dem Franzosen und Wagner‑Liszt auf’s sicherste festgestellt.

Gegen die törichte Behauptung, daß Berlioz die moderne Orchestertechnik erfunden habe, die dann Wagner benützt habe, wandte er sehr richtig ein, daß das Hauptmoment der Unterscheidung der modernen Orchesterbehandlung von der Beethovenschen nicht in den gesteigerten Mitteln, sondern in der gesteigerten Ausdrucksfähigkeit der einzelnen Instrumente, ihrer Individualisierung liege, und die hat mit den bescheidensten Mitteln zuerst Weber gebracht, und daran knüpft Wagner an. Im Ganzen Berlioz spricht kein Instrument eine so bestimmte menschliche Sprache, als die Clarinette in der Freischützouvertüre und das Fagott im Finale des III. Aktes Freischütz. Und Holländer, Tannhäuser, Lohengrin waren ohne Kenntniß der Berliozschen Partituren geschrieben.

Und die gesteigerten Orchestermittel des Rings sind nicht die Folge der Sehnsucht nach unbekannten, raffinirten Klängen an sich, sondern des Dranges nach neuem Ausdruck. Na, Ihr versteht mich schon!

Ich schwelge jetzt mit voller Lust in den Proben zum Rienzi; hier gilt’s auch, aber allerdings durch doppelt gesteigerten feinen Vortrag nachzuweisen, daß schon dieses Werk nichts mit der »Oper« zu tun hat, sondern echter, unverfälschter, wenn auch junger Wagner! Aber allerdings liegt die Gefahr hier doppelt im Vortrag: das Finale des zweiten Aktes kann, je nachdem vorgetragen, allerdings entweder Meyerbeer8 oder Wagner sein. Na, das wollen wir schon machen! Am 21. December soll er herauskomen; Siegfried hat versprochen, dazu wieder herzukommen! Morgen haben wir hier Barbier von Bagdad mit Rudi Milde! Dienstag den 25. Nov. Don Juan und 30. Meistersinger mit Frl. de Ahna als Elvira und Evchen!

Außerdem sitze ich fleißig über der Neuinstrumentirung des Macbeth9, die Euch gewiß interessiren wird, und lese Schillers Dreißigjährigen Krieg zum ersten Male. Letzteres liegt an der unglaublichen Classicität des Aufenthaltsortes!

Hast Du meinen Operntext10 gelesen? Was sagst denn Du dazu? Wie geht es Dir überhaupt, Du ewiger Schumannianer und Nachtstückevortragskünstler? Componirst Du denn oder bist Du nur Musikschulfrohnarbeiter von Carlchen’s Gnaden? Was macht das Klavierconcert11 und seine Form, mach’ sie nur nicht gar zu altehrwürdig! Doch verzeih’, ich bin jetzt in so polemischer Mephistostimmung! Und so wütend auf Alles, was nach Vergangenheit riecht!

Erfreu’ uns doch einmal mit etwas recht tollem, so daß sogar ich den Kopf schütteln werde, dann wird’s gerade gegenwärtig genug sein!

Wie geht’s bei Dir? Grüß Deine liebe Frau vielmals von mir, unterbreite dieses Gewäsch auch dem Stirnrunzeln des jetzt, wie es scheint, tüchtig grimmigen Onkel Ritter (nächsten Samstag ist der faule Hans in Dresden und da hat er wohl Grund, Gießen wird die Aufführung hören und mir darüber berichten) und nun einen herzlichen Kuß

Deines

bald ganz verrückten

Richard.

1Nicht erhalten. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
2Siegfried Wagner (1869–1930), Komponist, Dirigent, Regisseur und Bühnenbildner. Architektur- und später Musikstudium (bei Humperdinck). Seit 1894 wirkte er in Bayreuth, seit 1908 hatte er die Gesamtleitung der Festspiele inne. Von seinen 14 Opern wurden uraufgeführt in München: Der Bärenhäuter 1899, Herzog Wildfang 1901, in Hamburg: Der Kobold 1904, Bruder Lustig 1905, Sternengebot 1908, in Karlsruhe: Banadietrich 1910, Schwarzschwanenreich 1918, Der Friedensengel 1926, in Stuttgart: An allem ist Hütchen schuld 1917. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
3Rudolf von Milde (1859–1927), Baritonist, war in Weimar, New York und seit 1894 am Hoftheater in Dessau, lebte seit 1921 als Gesangslehrer in Berlin. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
4Eine Faust-Symphonie (1. Faust, 2. Gretchen, 3. Mephistopheles und Schlußchor: »Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis«). [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
5Eine Symphonie zu Dantes Divina Commedia (1. Inferno, 2. Purgatorio, 3. Schlußchor: Magnificat). [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
6Eduard Lassen (1830–1904), dänischer Komponist und Dirigent, war 1858–1895 Hofkapellmeister in Weimar. Er schrieb Opern, Symphonien, Overtüren, Kantaten und Lieder. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
7Hans Gießen (1862–1907), Tenorist, wirkte 1888–1894 am Hoftheater in Weimar, anschließend in Wiesbaden, Wien und Dresden. Richard Strauss widmete ihm das Lied Kornblumen op. 22,1. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
8Giacomo Meyerbeer (1791–1864), Komponist einst äußert erfolgreicher Opern, u. a. Robert der Teufel, Die Hugenotten, Die Afrikanerin, Der Prophet. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
9Macbeth beschäftigte Strauss von 1886 bis 1891. Erst die 2. Fassung ist im Druck erschienen. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
10Zu Guntram op. 25. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
11Die Absicht, nach dem Klavierkonzert in D-Dur von 1881/82, mit dem er sich als Schüler der Münchner Akademie der Tonkunst verabschiedete, ein zweites zu komponieren, hat Ludwig Thuille nicht mehr verwirklichen können. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Unbekannt

    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

Bibliographie (Auswahl)

  • Edition in Richard Strauss / Ludwig Thuille / Alfons Ott (Hrsg.): Richard Strauss und Ludwig Thuillle: Briefe der Freundschaft 1877–1907 (= Drucke zur Münchner Musikgeschichte, Bd. 4), München, 1969, S. 197.
  • Edition in Richard Strauss / Ludwig Thuille / Franz Trenner (Hrsg.): Richard Strauss – Ludwig Thuille: Ein Briefwechsel (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft München, Bd. 4), Tutzing, 1980, S. 115–117 (Transkriptionsgrundlage). Neuere Transkription mit umfangreichen Anmerkungen.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d02182 (Version 2017‑03‑31).

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