Brief
Richard Strauss an Johanna Strauß
Montag, 28. Dezember 1891, Weimar

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth
[1r]

Liebste Hanna!

Endlich habe ich ein freies Stündchen, um Euch für all die schönen Sachen in der Weihnachtskiste, die ich allerdings erst nach meiner Rückkehr vorgefunden habe [zu danken]. Wie hast Du u. die liebe Mama sich für mich geplagt! Die Tischdecke mit den prunkvollen Ecken u. der schönen Stickerei freut mich sehr, auch die Hemden sind sehr schön, nur um den Hals wieder etwas zu eng, u. die Ärmel u. besonders die Manschetten dran etwas zu lang, passen aber sonst ausgezeichnet. Das Theeservice ist sehr niedlich, der Teppich von Tante Johanna famos u. das Weihnachtsgebäck ist vortrefflich gelungen, gestern Abend hatte ich Fritz Brandt, der noch Reconvalescent u. dessen man sich noch sehr annehmen muß, u. Frl. von Schorn bei mir zu Tisch, auch diesen hat es sehr gut geschmeckt. –

Daß es in Bayreuth herrlich war, werdet Ihr mir wohl auf’s Wort glauben. Frau Wagner läßt Euch alle herzlich grüßen u. Euch [1v] vielmals danken, daß Ihr mich ihr zum heiligen Abend überlassen habt. Derselbe war in Wahnfried mit Knecht Rupprecht u. Christkind für die Kinder der Gräfin Gravina sehr feierlich; Frau Wagner, der ich einen großen Blumenkorb u. eine Photografie des Bildes: Ritter u. ich von Kalkreuth gegeben hatte, beschenkte mich mit der Partitur der Faustouverture, Helden u. Welt von Heinr. von Stein, u. wunderschönes Christusbild von Solare [?], ein Visitenkartentäschchen mit einer alten Fotografie aus Wahnfried, auf welcher Wagner, Frau Wagner, Stein, Joukovsky u. die beiden ältesten Töchter sind; Siegfried, der Ende Januar eine viermonatliche Reise nach Ägÿpten, Indien u. Japan unternim̅t, dedicirte mir das Spielmannsbuch von Hertz.

Es war in Wahnfried sehr schön, ich habe Mazeppa, Tannhäuser, Tristan gespielt u. am heiligen Abend sehr schön neue Lieder von Mottl, die er geschickt hatte, auch in Paar Lieder von mir, außer[2r]dem wieder gelesen u. teils sehr interessant u. sehr lustig geplaudert. Auch über die Dirigirfrage nächsten Som̅er wurde viel gesprochen, ich bin neugierig, was schließlich für mich herauskom̅t, ob Tristan, Tannhäuser oder Meistersinger. Parsifal möchte ich, so lange Levi mitpfuscht, nicht machen, da gibt’s nur ein großes Durcheinander u. es kom̅t Nichts erfreuliches heraus. Mottl hat sich sehr reizend benom̅en, indem er erklärt hat, er trete mir Alles ab, was ich haben wollte. Richter u. Levi aber bestehen auf ihren Scheinen! Na, warten wir’s ab!

Brandt hat mir den Briefwechsel zwischen Schopenhauer u. Frauenstädt geschenkt, u. von General de Ahna erhielt ich eine wundervolle goldene Uhr, die ich kaum annehmen wollte, denn die Kostbarkeit des Geschenkes setzt mich beinahe in Verlegenheit. Nichts destoweniger ist die Uhr sehr schön!

Für die Bayreuther Blätter muß ich einen Artikel über die Orchester[2v]leistung des Bayreuther Tannhäuser schreiben!

Brandt habe ich gestern meinen Operntext vorgelesen, von dem er sehr entzückt war. Heute Nachmittag Lohengrin – Alles in Allem jetzt die erste freie Stunde, in der ich Euch herzlichen danken kann, für Alles Schöne u. Liebe (vom Bett angefangen bis zum Kletzenbrot herunter), was Ihr mir geschenkt habt.

Tod. u. Verkl. wird am 30. Dec. in Lüttich aufgeführt, Bülow macht wahrscheinlicht Macbeth diesen Winter!!!, u. mein Lizstconcert in Leipzig ist wahrscheinlich am 25.ten Jan.

Es ist recht schad, daß Ihr Hanna nicht herlassen wollt, na vielleicht überlegt Ihr’s Euch doch noch!

Bis auf einige Zahnschmerzen, von denen ich heute wieder geplagt bin, geht es mir sehr gut u. hoffe ich das Gleiche ohne Zahnschmerzen von Euch!

Für heute lebt wohl! Tausend Dank u. die herzlichsten Grüße an Dich, liebe Hanna, den lieben Papa u. die gute, fleißige Mama

Euer R.

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Bayerische Staatsbibliothek (München), Sammlung: Handschriften, Signatur: Ana 330, I, Strauss, Nr. 236 (Autograph) (Transkriptionsgrundlage)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: 2014-10-23

Bibliographie (Auswahl)

  • Verzeichnet in Günter Brosche (Hrsg.) / Karl Dachs (Hrsg.): Richard Strauss: Autographen in München und Wien. Verzeichnis (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 3), Tutzing, 1979, S. 164.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d02274 (Version 2017‑03‑31).

Versionsgeschichte (Permalinks)