Brief
Richard Strauss an Josephine Strauß
Donnerstag, 21. Januar 1892, Weimar

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth
[1r]

Liebste Mama!

Endlich kann ich euch über den Tristan berichten! Nach einer großen Festivität, die Brandt nachher den Künstlern im russischen Hof gegeben hat u. die bis 4 Uhr gedauert hat, habe ich zwei Tage u. Nächte beinahe geschlafen u. gestern wieder Tannhäuser dirigirt.

Die Tristanaufführung war wundervoll; das Orchester von größter Feinheit und Elastizität, die Szene von Brandt so schön hergerichtet, als es ohne Geld nur möglich war u. alle Darsteller ausgezeichnet. Obenan Zeller, der wirklich ergreifend war.

Leider wurde er Sonntag gegen Schluß des zweiten Aktes etwas müde, nachdem er die Hauptprobe Freitag mühelos bewältigt hatte. Trotz der Ermüdung brachte er den III. Akt in der Aufführung noch zu schönster Geltung, darstellerisch war er ausgezeichnet. Frau Naumann’s Leistung war im Verhältniß zu ihren sonstigen verblüffend u. hat allgemeines Erstaunen erregt. Bucha als [1v] Marke war ganz prächtig, Schwarz u. Tibelti als Kurwenal u. Brangäne wurden ebenfalls von den herrlichen Aufgaben weit über ihr sonstiges Können hinausgetragen.

Brandt hat sich trotz manchem, womit ich nicht einverstanden war, als ein großartiger Regisseur erwiesen, die Aufführung war so durchaus einheitlich u. hat den allergrößten Enthusiasmus hervorgerufen. Ich wurde mit Brandt schon nach dem ersten Akte gerufen, ebenso nach dem 3.ten u. sehe mit größter Befriedigung auf unsere große Tat zurück: zum ersten Male in Weimar Tristan ohne Strich mit einheimischen Kräften. Der Großherzog war kolossal entzückt, ebenso Bronsart, der auf jeder Probe war.

Nächsten Sonntag 2. Aufführung! Kritiken schicke ich Euch noch! Soeben schreibt mir Wolff, daß ich 29. Febr. bei Bülow in Berlin Macbeth dirigiren soll. Das Lisztconcert in Leipzig soll nun erst am 3. März sein. Am 22. Febr. soll ich in [2r] Heidelberg Wanderers Sturmlied dirigiren; wie ich mit dem Allem fertig werde, weiß ich jetzt noch nicht; da das Intriguenspiel hier in voller Blüte ist u. ich fest auf dem Posten sein muß, nachdem ich eben eine Dum̅heit gemacht u. Frl. de Ahna geraten habe, ihre Entlassung zu nehmen, um einen Trumpf gegen die gegenwärtig recht in Blüte stehende Stavenhagen-Lassen Clique auszuspielen, nachdem Bronsart der de Ahna die Elisabeth im Tannhäuser abgeschlagen hat, aus Angst, die Stavenhagen könnte ihm gehen. Ich habe leider und auch Brandt, die Gunst des Großherzogs für Frl. de Ahna überschätzt, u. der zu straff gespannte Bogen ist letzten Sonntag gerissen u. Bronsart hat Knall u. Fall eine ausgezeichnete hochdramatische Sängerin engagirt. (eine Art Ternina, Mezzosopran) Nachdem jetzt Frl. de Ahna ihre Entlassung zurückgenom̅en hat, worauf Bronsart auch bis jetzt eingegangen ist u. die Sache soweit glücklich wieder reparirt ist, sieht es beinahe gut aus, indem die [2v]1 neue Sängerin mit Frl. de Ahna sehr wenig kollidiren wird u. Bronsart plötzlich nach der vollendeten Tatsache, daß er jetzt 3 Sängerin̅en hat, zu einer davon sprach, den Contract der Stavenhagen nicht mehr zu erneuern vom nächsten Jahr ab.

Es wäre ein Heidenspaß, wenn meine Unvorsichtigkeit schließlich doch damit endete, daß die Stavenhagerei schließlich hinausgedrückt wird.

Nachdem soweit Alles wieder glücklich in Ordnung, heißt’s aber jetzt vorsichtig sein u. ich habe mir eine dicke Lehre aus meiner wenn auch noch so gut gemeinten, aber dum̅en Hitzigkeit gezogen!

Bitte grüßt Ritter herzlich von mir u. sagt ihm, ich ließe ihm tausendmal für seinen lieben Brief zum Tristan danken!

Euch aber, Ihr Lieben, grüßt von ganzem Herzen

Euer R.

1am oberen Rand: [kopfstehend:] Bitte, bezahlt beiliegende Rechnung für mich!
verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Bayerische Staatsbibliothek (München), Sammlung: Handschriften, Signatur: Ana 330, I, Strauss, Nr. 239 (Autograph)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

    • Reproduktionen:

      • Ludwig-Maximilians-Universität (München), Sammlung: Forschungsstelle Richard-Strauss-Ausgabe, ohne Signatur (Transkriptionsgrundlage)

    Bibliographie (Auswahl)

    • Edition in Richard Strauss / Willi Schuh (Hrsg.): Briefe an die Eltern 1882–1906, Zürich, Freiburg (Breisgau), 1954, S. 145–147.
    • Verzeichnet in Günter Brosche (Hrsg.) / Karl Dachs (Hrsg.): Richard Strauss: Autographen in München und Wien. Verzeichnis (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 3), Tutzing, 1979, S. 164.

    Zitierempfehlung

    Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d02282 (Version 2017‑03‑31).

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