Brief
Richard Strauss an Josephine Strauß
Dienstag, 1. März 1892, Weimar

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth
[1r]

Liebe Mama!

Wie Ihr wohl schon aus meinem Telegramm ersehen habt, hatte Macbeth sowohl in der öffentlichen Generalprobe wie in der gestrigen Aufführung einen ganz unerwartet großen Erfolg. Ich wurde trotz der bekannten großen Pausen, die ich im̅er von einem Hervorruf zum andern mache, zweimal gerufen, u. der Beifall war, trotz einiger Zischer, sehr lebhaft! Das Stück ging ausgezeichnet, klingt in seiner neuen Fassung ausgezeichnet u. hat mir selbst große Freude bereitet. Trotz alles grausigen hat es beim Publicum einen tiefen Eindruck gemacht; Bülow war ganz entzückt u. hat mir über Composition u. Direction die überschwänglichsten Complimente gesagt!

Die Baßtrompete macht sich famos; sie ist der einzig mögliche Übergang u. Vermittler zwischen Trompeten u. Posaunen u. mildert das Blech kolossal!

Wüllner war da u. berichtete mir von seiner sehr erfolgreichen Kölner Aufführung von Tod u. Verkl., welches am 6. Juni auf dem Kölner Musikfest wiederholt werden soll.

[1v] Bülow war persönlich sehr nett u. hat die Ouverture Leonore III u. Beatrice u. Benedict von Berlioz wundervoll dirigirt; ebenso war seine Montagprobe der Haroldsinfonie von Berlioz großartig. Er schimpft gegenwärtig furchtbar auf die Juden u. Wolff besonders; trotzdem glaube ich nicht daran, daß er bei seinem Entschlusse, die Berliner Concerte aufzugeben, bleibt, wenn Wolff schlau ist!

Was soll Bülow auch machen? Er ist den Juden doch verfallen u. kann aus den Schlingen nicht mehr heraus; wenn er auch zehnmal jetzt, um die Hochschule zu ärgern, wieder Berlioz kultivirt. Vielleicht bringt er jetzt sogar Liszt, aber auch nur wieder, um Weingartner auszustechen; es ist alles kleinlich u. persönlich von ihm. Schade, schade, dirigiren tut er noch wundervoll!

Brandt war auch in Berlin u. wohl auch im Concert; mit ihm zusammen sah ich im deutschen Theater »College Crampton« von [2r] Gerhart Hauptmann, welches mir einen tiefen Eindruck gemacht hat u. besonders in der Titelrolle von Engel großartig u. mit ergreifender Einfachheit u. Natürlichkeit gespielt wurde.

Über unsere Weimarer Geschichten hat Euch wohl Ritter ausführlich berichtet. Mit Bronsart kam ich in Berlin auch nicht zur Aussprache, da wir nicht allein waren!

Sonst war’s sehr gemütlich in Berlin mit Rösch, den beiden Damen Ritter u. einer reizenden, wunderschönen kleinen Sängerin, Frl. von Graba, die mit den beiden Damen Ritter zum nächsten Tristan, Dienstag den 8.ten hierherkom̅en will u. wahrscheinlich auf einige Monate in Weimar bleiben will um eventuell bei mir u. Frau Dr. Merian zu studiren!

Heute Abend Künstlerfest, wo ich als Vogel Strauss verkleidet sein werde u. Eier legen mit Autografen!

Für heute lebt wohl! Hat Papa meine Brief u. Telegram̅, Bild u. Bücher erhalten? Habt Ihr seinen Geburtstag vergnügt zugebracht? Wie geht es Euch?

Tausend Grüße

R.

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Bayerische Staatsbibliothek (München), Sammlung: Handschriften, Signatur: Ana 330, I, Strauss, Nr. 244 (Autograph) (Transkriptionsgrundlage)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: 2014-10-23

Bibliographie (Auswahl)

  • Edition in Richard Strauss / Willi Schuh (Hrsg.): Briefe an die Eltern 1882–1906, Zürich, Freiburg (Breisgau), 1954, S. 149–150.
  • Genannt/Verzeichnet in Günter Brosche (Hrsg.) / Karl Dachs (Hrsg.): Richard Strauss: Autographen in München und Wien. Verzeichnis (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 3), Tutzing, 1979, S. 165.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d02295 (Version 2017‑03‑31).

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