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Brief
Richard Strauss an Franz Strauß / Josephine Strauß
Mittwoch, 28. September 1892, Weimar

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth
[1r]

Liebe Eltern!

Sonnabend bin ich also in dem alten, langweiligen Neste glücklich hier angekom̅en u. habe auch das starke, über die lange Reise u. ihre Krankheit ab u. zu recht ungeduldige Frl. Paulinchen glücklich hieher gebracht.

Von allen Freunden mit Ausnahme Bronsart’s, der seine gekniffenste Chefmiene aufgesetzt hatte u. bocksteif war, sehr herzlich begrüßt, lebe ich nun sehr zurückgezogen, gehe Abends gar nicht in die Kneipe u. bin wenn ich nicht spaziren bin oder die allernotwendigsten Besuche erledige, nur zu Hause. Weimar macht mir jetzt, wo ich eigentlich hier gar nichts zu suchen habe u. nur so auf dem Sprung bin, einen recht öden Eindruck. Freischütz war abgesagt, statt dessen Fidelio u. so war ich noch nicht einmal im Theater; habe auch gar nichts zu tun bis zur Festanstellung. Denkt Euch nur, ich habe [1v] ein falsches lebendes Bild componirt: die Versöhnung des Admiral u. muß jetzt noch ein neues machen, da die von mir verwendete Volksmelodie noch dazu das sog. Prinzenlied u. bereits von Lassen verwendet worden ist. Jetzt tondichtere ich den Friedensschluß zwischen Oranien u. Marquis Spinola 1604. Brandt hat’s natürlich furchbar notwendig! Bronsart hat das halbe Jubiläum schon wieder verkorkst, sich mit allen möglichen Leuten verzankt, Rich. Voss, Öhlschläger etc.; dagegen soll die elektrische Beleuchtung vorzüglich gelungen sein u. die Akustik bedeutend besser geworden sein! Na, mir kann’s zu recht sein! Bronsart habe ich von meinem Urlaub bis jetzt noch nichts gesagt, doch wußte ganz Weimar schon, bevor ich hier war, daß ich nach Ägÿpten gehe!

Im Lisztconcert in Leipzig Ende Oktober mache ich meinen [2r] Macbeth u. die Lisztsche Faustsinfonie! Stavenhagen wird dazu sein neues, eigenes (?) Clavierconcert spielen u. wahrscheinlich Frau Reuss aus Carlsruhe singen!

Amelie v. Rott habe ich gestern besucht, sie läßt grüßen. Kaufmanns haben mich gestern ebenfalls zum ersten Mal abgefüttert.

Mit der Gesundheit geht’s gut; von Cholera ist hier keine Spur! Ich nehme jetzt täglich Halbbäder in meiner Sitzwanne, die sehr angenehm, aber von lange nicht so starker Wirkung wie Rücken u. Knieguß!

Geht’s euch gut?

Tausend Grüße an Papa, Mama, Hanna

Euer R.

Grüßt Pschorrs, Ritters, Thuille’s, Rösch!

[kopfstehend:] Beiliegendes ist eine Dedication von Wegner an Hanna mit herzlichen Grüßen!

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Bayerische Staatsbibliothek (München), Sammlung: Handschriften, Signatur: Ana 330, I, Strauss, Nr. 261 (Autograph) (Transkriptionsgrundlage)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: 2014-11-06

Bibliographie (Auswahl)

  • Genannt/Verzeichnet in Günter Brosche (Hrsg.) / Karl Dachs (Hrsg.): Richard Strauss: Autographen in München und Wien. Verzeichnis (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 3), Tutzing, 1979, S. 166.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d02335 (Version 2017‑03‑31).

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