Sie betrachten gerade die aktuelle Version 2021-04-12 dieses Dokuments.

Brief
Richard Strauss an Franz Strauß / Josephine Strauß
Montag, 16. November 1903, Berlin

relevant für die veröffentlichten Bände: III/3 Aus Italien

[281]

Ich freute mich, daß »Taillefer« in München denselben Bombenerfolg hatte wie in Heidelberg – mögen dann die anderen die Melodik unvornehm finden und daran herumnörgeln, was geht’s mich an. Wenn dies unaufrichtige Musik ist, na, meinetwegen: mir sind dann aber sicher diese »unehrlichen« Einfälle lieber als der andern wahre Gedankenarmut. Wie könnt Ihr Euch nur über das Gequassel aufregen? Müssen doch irgend was schreiben! – Du mußt mir, lieber Papa, verzeihen, wenn ich so schreibfaul bin: aber wenn man, wie ich jetzt, täglich acht und zehn Stunden am Schreibtisch sitzt und Noten schmiert, so wird einem das Briefschreiben beinahe unmöglich. »Sinfonia Domestica« ist nun bereits sechzig Partiturseiten stark: ca. hundert bis hundertzwanzig sollen bis Anfang Jänner noch dazu kommen, da heißt’s fest schanzen. Dazu wöchentlich zweimal die verfluchten »Meistersinger«, die einen beinahe einen Tag arbeitsunfähig machen, – Du verdankst ihnen immerhin heute dieses Lebenszeichen, denn mit dem Komponieren geht’s heute höchst zäh. Heiß der Kopf, der Buckel müd, – aber [282] ein Paket unerledigter Geschäftsbriefe, die schon seit einer Woche stillvergnügt meinen Schreibtisch zieren: dies eine Photographie Deines Sohnes heut nachmittag. Wenn nicht Bubi ab und zu neben mir einen frisch in der heutigen Turnstunde gelernten Purzelbaum schlüge, wäre es etwas trübselig, da das andere, stets auffrischende Element des Hauses: meine Gattin, bei der Schneiderin zur Anprobe von Amerika-Kostümen ist. Sonst sind wir alle wohl, auch Pauline hat sich von den Strapazen des Umzuges und den Schrecknissen von Bubis Unfall1 wieder etwas erholt und übt täglich fleißig für ihren Londoner Liederabend. Wir dampfen am 5. Dezember nach England: ich dirigiere 7. und 8. in Edinburgh und Glasgow (»Euryanthe«-Ouvertüre, »Ingwelde«-Vorspiel, »Aus Italien« und »Eulenspiegel«), am 11. in London ein ganzes Berlioz-Konzert2, am 9. dazwischen der Liederabend. Sonst gibt’s nicht viel Neues zu berichten, was ihr nicht selbst schon aus der Zeitung (wißt), denn ich lebe nur zu Hause und sehe und höre nichts von der Welt … Mit Hanna habe ich ein paar sehr angenehme Stunden verbracht, soweit der Trubel und die Menschheit ein gemütliches Zusammensein zuließen. In Mannheim3 habe ich »Don Quixote« dirigiert, recht gute Aufführung und der schönste neue Konzertsaal der Welt.

1Notiz vom 21. September 1903 in St.s Schreibkalender: »Unser liebes Bübchen wurde heute mittag auf dem Heimweg von der Schule mitsamt Fräulein (Else Schröder) von einer Droschke überfahren, ohne außer sechs leichten Beulen ernsthaften Schaden zu leiden! Welch ein Glück und welch ein Schrecken!« [Anmerkung in der Transkriptionsgrundlage].
2Programm: »Rob Roy«-Ouvertüre, zwei »Faust«-Szenen, »Celini«-Ouvertüre, drei Sätze aus »Roméo et Juliette«, »Carneval Romain«. [Anmerkung in der Transkriptionsgrundlage].
327. Oktober 1903. [Anmerkung in der Transkriptionsgrundlage].
verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Unbekannt

    • Hände:

      • unbekannt
    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

Bibliographie (Auswahl)

  • Edition in Richard Strauss / Willi Schuh (Hrsg.): Briefe an die Eltern 1882–1906, Zürich, Freiburg (Breisgau), 1954, S. 281–282. (Transkriptionsgrundlage)

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d03675 (Version 2021‑04‑12).

Versionsgeschichte (Permalinks)