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Brief
Richard Strauss an Franz Strauss (sen.)
Donnerstag, 23. Februar 1905, Leipzig

relevant für die veröffentlichten Bände: I/3a Salome

[1r] Adolf Wagner Hôtel de Prusse
Hoftraiteur Sr. Grossherzoglichen Hoheit des Prinzen Carl v. Baden
[…]

Mein lieber Papa!

Ich habe lange nichts von mir hören lassen; aber da ich Dich durch Pauline über Alles mündlich unterrichtet wußte u. seither wirklich Nichts Interessantes passirt ist, glaubte ich mich um so eher etwas der Schreibfaulheit ergeben zu können, als ich wirklich schrecklich viel zu thun hatte. Am 15. Februar hatte ich Som̅ers Oper Rübezahl herausgebracht, der dem braven alten Herrn endlich mal einen anständigen Achtungserfolg gebracht hat, wenn wir das Werk, wie ich fürchte, allerdings nicht weit über die üblichen Anstandsaufführungen bringen werden. Es ist an sich erstaunlich, was der Mathema[…] tikprofessor da im̅erhin in seinem Alter noch fertig gebracht hat; aber im [1v] Ganzen ist halt die Musik doch zu trocken u. packt nicht.

Also Rübezahl u. meine Salome, die[,] wie Du Dir denken kannst, nicht von allein fertig wird (ich hab jetzt mit Mühe u. viel Fleiß etwa ein Drittel der Partitur ([…] 90 Seiten) fertig) waren die Feinde, die mich hinderten, meinem lieben Papa seine Briefe zu schicken. Zudem hatten wir 3 Program̅sitzungen fürs Grazer Musikfest des allgem. D. Musikvereins, dazu ziemlich reichliche Correspondenz an Kienzl, Mahler ohne mein tägliches Päckchen von etwa 10 Geschäftsbriefen – ich bin wahrlich nicht auf Rosen gebettet.

Heute Früh 1/2 8 bin ich hieher gefahren, wo ich Montag bei Winderstein Heldenleben u. Domestica (Pauline singt 4 Orchesterlieder) dirig[ier]en soll, (morgen Nachmittag nach der Probe muß ich wieder nach Berlin zurück, um Abends Rübezahl zum 4.ten Mal zu dirigiren). Ich benütze die erste freie Stunde, wo ich meiner Salomepartitur ferne bin, um Dir zu schreiben u. Euch in erster Linie zu danken, daß Ihr mir Pauline so freundlich aufgenom̅en habt, die noch heute davon schwärmt, wie liebenswürdig der gestrenge Schwiegerpapa, wie [2r] reizend die sanfte Mutter zu ihr gewesen war u. wie gemütlich Sie [sic] es bei Euch hatte. Nach Johannas Brief dürfen wir also wirklich hoffen, daß Ihr den Som̅er mit uns in Marquartstein verbringen wollt. Das ist ja famos! – Die Hellvilla ist sehr bequem u. geräumig, von Anfang Mai steht ein hübsches Schlafzim̅er mit großem Wohnzim̅er u. Veranda (nebst Küche) im Parterre für Euch u. Rosa vollständig zu Eurer Verfügung. Bitte, entschließt Euch ja: Ihr werdet es sehr schön dort haben. Jetzt lebt u. wirkt Pauline ganz in Hannas Umzug, hat eine prächtige Wohnung nebst wunderhübschem Stall ganz in unsrer Nähe ausgesucht; wir freuen uns sehr, daß Rauchenbergers zu uns nach Berlin kom̅en, vielleicht entschließt Ihr Euch auch noch zur Übersiedlung in’s gelobte Berlin, dessen Comfort u. mildes Klima nach jeder Richtung hin dringend zu empfehlen ist. Von mir gibt es Neues zu melden, daß Nikisch, der nun auch das Leipziger Stadttheater übernom̅en hat, nächsten Winter Salome u. Feuersnot hier bringen will. Feuersnot kom̅t am 27. Juni in Cöln als Festvorstellung unter meiner Leitung mit Barbier von Bagdad zusam̅en u. erst im Herbst in München, wie mir Mottl schrieb. Am 8. März dirigire ich auf Schuchs Einladung Domestica im Wittwenconcert der k. Kapelle zu Dresden. 28. 29. März [2v] mit Pauline Concerte (in Arnheim u. Haag. 1. April Domestica in London. Im Opernhause stehen mir Neueinstudirungen von Cosi fan tutte u. Pfeifertag bevor u. Humperdinks neue Oper: Heirat wider Willen. Du siehst: Arbeit in Hülle u. Fülle. Trotz allem ist meine Gesundheit famos: keine Erkältung, Nichts hat mich bisher gehindert. Daß es Euch gut geht, hat mir Pauline nach Augenschein berichtet, hoffentlich ist auch der lieben Mama der gute Schlaf wieder zurückgekehrt. Sie wird uns hoffentlich im Frühjahr in Berlin besuchen, schließlich kom̅st Du selbst auch noch mit. Die Reise ist ja so bequem u. im hohen Alter wird man unternehmungslustig. Bubi ist gesund u. fleißig, nur ein bischen [sic] übermütig, der kleine Schlingel, strotzt von Kraft u. Frische, schreibt mit Passion Noten u. vergißt nie, sich täglich von mir aus den »Lieblingen« was vorspielen zu lassen auf meinem herrlichen neuen Flügel (aus dreierlei Holz geschnitzt) von Chappell in London. –

Zum Schluß[,] mein geliebter Papa[,] tausend frohe Glückwünsche zu Deinem 84. Geburtstag, mögen Dir noch viele frohe Jahre in gleicher Frische u. Gesundheit zu unsrer Freude beschieden sein.

Es grüßt Dich u. die liebe Mama in treuer Liebe
Euer dankbarer Sohn
Richard.

Herzliche Grüße an Rauchenbergers.

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Claudia Heine

Quellennachweis

  • Original: Bayerische Staatsbibliothek (München), Signatur: Ana 330.I.Strauss, Richard, Nr. 544 (Autograph) (Transkriptionsgrundlage)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: 2017-12-22

    • Reproduktionen:

      • Richard-Strauss-Archiv (Garmisch-Partenkirchen), Signatur: [RICHARD STRAUSS AN ELTERN U. SCHWESTER, 1894–1949, Nr. 607a]

        • Autopsie: 2016-11-15

Bibliographie (Auswahl)

  • Auszug in Richard Strauss / Willi Schuh (Hrsg.): Briefe an die Eltern 1882–1906, Zürich, Freiburg (Breisgau), 1954, S. 300–302.
  • Genannt/Verzeichnet in Günter Brosche (Hrsg.) / Karl Dachs (Hrsg.): Richard Strauss: Autographen in München und Wien. Verzeichnis (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 3), Tutzing, 1979, S. 193.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d03815 (Version 2019‑04‑12).

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