Brief
Franz Strauss (sen.) an Richard Strauss
Mittwoch, 30. November 1904, München

relevant für die veröffentlichten Bände: I/3a Salome

Lieber Richard!

Herzlichen Dank für die Zusendung der Briefe und der Kritiken über die »Domestica«, die uns große Freude machten. Sehr reizend war die von Herrn Zöllner aus Leipzig, die mit viel Witz und Humor geschrieben war.

Die größte Freude wurde uns durch den Wiener außerordentlichen Erfolg zuteil und besonders über die Nachricht von Mahlers Direktion. Dieses Saublatt MNN [Münchner Neueste Nachrichten], das täglich jeden Dreck über Weingartner berichtet, schweigt vollständig über Deine Erfolge.

Zwerger hat erzählt, daß Mottl gestern mit den Streichern die erste Probe gehalten hat. Am Freitag, den 9. Dezember, ist das Concert und vormittag 1/211 Uhr die Probe fürs Publikum gegen 2 M. Entrée. Gebe Gott, daß es meine Gesundheit erlaubt, derselben mit Mama anwohnen zu können. Mama, Hanna und Otto werden abends ins Concert gehen. Das Programm ist gut zusammengestellt und nicht lang:

1. Sinfonie in D von Mozart

2. Concert für Streicher von Händel

3. Sinfonia domestica.

Wie steht es mit der »Salome«? Wird sie in diesem Jahre noch fertig? Deine Mitteilung über das Zwiegespräch mit dem Kaiser hat mich hocherfreut und interessiert. Es ist doch etwas ganz anderes wie hier, wo man nur Sinn für Gamsböck und Wildsäu hat.

Gestern erzählte mir Mama, daß hier das Gerücht umgeht, daß Du Deine Stellung in Berlin aufgibst und wieder nach München übersiedelst. Um Gotteswillen, lieber Richard, Du willst doch das nicht im Sinn haben!

Dein Ruhm und Dein Ansehen in der ganzen gebildeten Welt bedingt, daß Dein Domizil in einer Weltstadt ist, wie es bei allen großen Meistern der Fall war. Beethoven, Mozart, Gluck, Haydn, Schubert in Wien, Bach in Leipzig (welches zu Bachs Zeiten eine Weltstadt war), Händel in London. Berlin ist für Dich der einzige Platz, der für Dein Ansehen paßt, es ist besser, wenn Du in der Nähe Deiner Verleger bist. Der Kaiser soll Dir ein Beweis sein, daß man Dich dort schätzt, und hier wird es, wenn der Regent die Augen schließt, noch schlechter.

Von Eurer Reise, von der Ihr ruhmgekrönt wieder zurückgekehrt seid, werdet Ihr jetzt in Eurem schönen Heim Euch glücklich fühlen, wozu wir Euch von Herzen gratulieren mit der Bitte, uns bald Nachricht darüber zu geben. Was macht denn der liebe Bubi? Die Nachricht, daß er brav ist und fleißig lernt, macht uns große Freude, grüßt und küßt ihn herzlich von uns. Seid Ihr alle gesund? Auch uns geht es gut.

Lebt wohl! Es grüßt Euch von ganzem Herzen Euer

alter treuer Papa

Auch von Mama viele Grüße.

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Claudia Heine

Quellennachweis

  • Original: [unbekannt]

    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

Bibliographie (Auswahl)

  • Edition in Franz Grasberger (Hrsg.) / Franz Strauss (Mitarb.) / Alice Strauss (Mitarb.): Der Strom der Töne trug mich fort: Die Welt um Richard Strauss in Briefen, Tutzing, 1967, S. 155–156 (Transkriptionsgrundlage).

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d04439 (Version 2019‑04‑12).

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