Brief
Franz Strauss (sen.) an Richard Strauss
Freitag, 3. März 1905, München

relevant für die veröffentlichten Bände: I/3a Salome

Lieber Richard!

Dein lieber Gratulationsbrief hat mir große Freude gemacht und danke ich Dir, Pauline und dem lieben Bubi für Eure Glückwünsche herzlichst. Pauline war bei ihrem letzten Hiersein sehr liebenswürdig und ruhig, worüber wir hocherfreut waren. Hoffentlich wird es so bleiben, da es nur zu ihrem Vorteil ist.

Ich hatte eine Ahnung, daß »Feuersnot« in diesem Winter hier nicht zur Aufführung kommt, es entspricht ganz den hiesigen Theaterverhältnissen, die eigentlich ganz greulich sind. Sie können schon den ganzen Winter hindurch keine Wagnersche Oper ohne 2–3 Gäste zur Aufführung bringen, was das dann, ohne Probe, für eine Kunstleistung ist, kannst Du Dir wohl denken. Das ganze Institut ist zu einem Provinztheater herabgesunken, ich glaube nicht, daß Mottl es wieder heben kann. Mir scheint, den Augiasstall auszuputzen ist ihm zu viel Arbeit. Das Programm der zweiten Hälfte der Odeonsconcerte ist ihm bedeutend mißlungen, sowohl in klassischer als auch in anderer Richtung.

Sehr begierig bin ich auf Deinen Erfolg mit »Domestica« in Dresden. Bitte, gebe mir bald darüber Nachricht! Vor einiger Zeit las ich, daß Du und Mahler bei einem Musikfest in Straßburg dirigierst und auch ein Franzose, ich glaube Charpentier, sich beteiligt, ist es wahr?

Kommst Du heuer nicht nach Paris? Ist Chevillard Dir nicht mehr so freundlich gesinnt?

Pauline sagte uns, daß Du von Fürstner 60.000 M. für die »Salome«-Partitur verlangst. Lieber Richard, sei bescheiden und bedenke, daß der Verleger mit beiden Werken keine großen Geschäfte machen kann, der große Haufe des Publikums kauft lieber die »Fledermaus« als den »Fidelio«.

Mit großer Freude denke ich schon an die Tage, wo wir in Marquartstein beisammen sein werden, die wir noch friedlich miteinander verleben können, ehe ich die große Reise antreten muß. Wir kommen dann, wenn mir Gott das Leben schenkt, am 15. Juli nach Marquartstein. Sehr überrascht war ich durch Deine Mitteilung, daß Nikisch nächsten Winter »Salome« und »Feuersnot« in Leipzig zur Aufführung bringen will.

Was ist denn in Köln für ein Fest, daß Du die Festvorstellung dirigieren sollst?

Jetzt muß ich schließen, die Schrift wird immer schlechter.

Lebe wohl!

Mama und ich grüßen Dich, Pauline und Bubi herzlichst!

Erfreue bald wieder mit einer Nachricht

Deinen Dich

liebenden

Vater

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Claudia Heine

Quellennachweis

  • Original: [unbekannt]

    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

Bibliographie (Auswahl)

  • Edition in Franz Grasberger (Hrsg.) / Franz Strauss (Mitarb.) / Alice Strauss (Mitarb.): Der Strom der Töne trug mich fort: Die Welt um Richard Strauss in Briefen, Tutzing, 1967, S. 156–157 (Transkriptionsgrundlage).

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d04447 (Version 2019‑04‑12).

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