Brief
Gertrud Eysoldt an Hugo von Hofmannsthal
Freitag, 5. Januar 1906

relevant für die veröffentlichten Bände: I/3a Salome

Lieber – nicht unruhig sein! […]

[…]

In Dresden habe ich mir zu Weihnachten die Strauss’sche Salome angesehen. Was hat man da gesündigt. Ich kann mir kaum brutalere Missverständnisse vorstellen auf der Bühne. Nackte Nüchternheit – grobe Buntheit in allen Dingen. Und die Musik war wie eine Wortübersetzerin. Nur ein paar Stellen glühten wirklich auf in echtem Feuer. Es waren alle Stellen, an denen die Bühnenvorgänge still hielten – jede Pause da oben wirkte wohltuend und erlösend. Ich verstehe den Sinn einer Oper überhaupt nicht, wie diese. Es kommt mir ganz unkünstlerisch vor. Wenn ich mich auf den ersten Eindruck der gelesenen Salome besinne – so war dieser so musikalisch und ich habe bei der Darstellung stets unter diesem ersten unerfüllt gebliebenen Gesicht gelitten. Ich kann mir die Salome so vollkommen in Musik aufgelöst denken – aber auch ganz in’s Wesen der Musik – und da oben auf der Bühne beinahe nur pantomimische Vorgänge dazu – überleitende, bildhafte, farbenübergossene Dinge. – Wenn ich doch je von einer Oper wirklich befriedigt würde – hier müssen bei mir Aufnahmemöglichkeiten fehlen. Fast Feindseligkeit spürte ich neulich gegen diese Oper. –

Auf Ihr Hiersein freue ich mich sehr – ich begegne Ihnen so gern auf allen Gängen im Theater – ich bin froh und gehoben – wenn ich Sie unten im Parquet weiss – ich mag Ihre präcise temperamentvolle Art der Discutierung über das Thema – ich fühle mich temperamentswohl bei Ihnen.

Kommen Sie dann nur so bald Sie können und es für gut halten – wir werden in 8 Tagen sicher schon ganz weit sein – so gerade für die letzten Mühelosigkeiten reif. –

Lieber Freund!

Ihre
Gertrud Eysoldt.

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Claudia Heine

Quellennachweis

  • Original: Freies Deutsches Hochstift (Frankfurt/Main), Signatur: Hs-30619,10 (Autograph)

    • Hände:

      • Gertrud Eysoldt (handschriftlich)
    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

Bibliographie (Auswahl)

  • Edition in Gertrud Eysoldt / Hugo von Hofmannsthal / Leonhard M. Fiedler (Hrsg.), Der Sturm Elektra: Gertrud Eysoldt. Hugo von Hofmannsthal. Briefe, Wien, 1996, S. 39–42 (Transkriptionsgrundlage).

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d30288 (Version 2019‑05‑27).

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