Sie betrachten gerade die aktuelle Version 2019-04-30 dieses Dokuments.

Brief
Richard Strauss an Lotti Speyer
Donnerstag, 23. Juni 1887, München

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth
[1r]

Mein liebes, sehr verehrtes Fräulein!

Nehmen Sie meinen schönsten Dank für diese liebenswürdige Art, mich an mein vergessenes Versprechen zu erinnern, u. für das reizende Bildnis, das mir große Freude macht. Schon seit längerer Zeit habe ich natürlich vor, Ihnen einmal zu schreiben; daß ich ein Bild versprochen habe, habe ich freilich vergessen. Der Mensch ist nun einmal ein undankbares, faules, nachlässiges Geschöpf, u. ich, glaube ich, eines von der allerschlimmsten Sorte. Wie sehr ich bereue, möge Ihnen die sofortige Sendung des längst versprochenen beweisen, wodurch ich mir Ihre gütige Verzeihung erbitte. Daß es Ihnen u. den Ihrigen gut geht u. Sie wohl u. munter sind, freut mich sehr; auch ich kann nicht klagen. Ich bin leidlich fleißig, arbeite gegenwärtig an einem Orchesterstück [2r] Macbeth, das natürlich sehr wilder Natur ist, u. an einer Violinsonate. Außerdem habe ich diesen Winter viel Lieder geschrieben, von denen 8 bei Aibl erschienen sind, weitere 11 sind eben im Druck u. erscheinen bei Boehme in Hamburg. – Daß ich im März in einem hiesigen Sinfonieconcert mit der Vorführung einer sinfonischen Fantasie: aus Italien, ein Werk, auf das ich selbst sehr stolz bin, zur Hälfte ausgezischt worden bin, haben Sie wohl vielleicht gehört. Das Werk ist ziemlich neu u. revolutionär u. hat der letzte Satz: »Neapolitanisches Volksleben[«] bei den alten u. jungen Zöpfen große Opposition, zum mindesten Kopfschütteln hervorgerufen. Den größten Spaß habe natürlich ich gehabt dabei; es war eine Hetz’, wie der Wiener sagt. Die einen haben wüthend applaudirt, die andern eifrig gezischt, schließlich [3r] siegte der Applaus. Die Gegner haben mich für halb verrückt erklärt; sprechen von Irrwegen pp. u. was dergleichen Plunder mehr ist. Mein Stolz war ungeheuer; das erste Werk, das auf die Opposition des großen Haufens gestoßen ist; da muß es doch nicht unbedeutend sein. Doch genug davon! Für nächstes Jahr bin ich eingeladen, im Leipziger Gewandhaus meine Sinfonie zu dirigiren u. freue mich sehr darauf. Im Theater dirigire ich halt’ meinen Stiefel weiter u. befinde mich leidlich wohl dabei. Mitte Juli werde ich wahrscheinlich in’s bairische Gebirge gehen, für August bin ich auf die Villa meines Onkel Pschorr in Feldafing (Starnberger See) eingeladen. 1. Juni feierte mein Vater das 40. Jubiläum seiner Mitgliedschaft der [4r] Münchner Hofkapelle; 40 Jahre den anstrengenden Dienst u. noch vollständig aktiv, darob herrschte große Freude im Hause Strauss. Daß Frau Christine Schmidt mit Gemahl demnächst hierher ziehen wird, wo ihr Mann die Directorstelle der englischen Eiswerkgesellschaft erhalten hat, wird Sie vielleicht interessiren!

Den Damenchor habe ich mir glücklich vom Halse geschafft! Nun leben Sie wohl! Die schönsten Grüße an Sie u. die lieben Ihrigen

von Ihrem alten Freunde

RichardStrauss.

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Unbekannt (Autograph)

    • Hände:

      • unbekannt (handschriftlich)
      • Richard Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

    • Reproduktionen:

      • Richard-Strauss-Archiv (Garmisch-Partenkirchen), Signatur: [Ordner "S2", o. Nr.] (Transkriptionsgrundlage)

        • Autopsie: 2019-03-26

Bibliographie (Auswahl)

  • Edition in Artur Holde: Unbekannte Briefe und Lieder von Richard Strauss : Fortsetzung aus Nummer 19 – November 1958, in: Internationale Richard-Strauss-Gesellschaft (Hrsg.): Mitteilungen, Bd. 20, Berlin, Februar 1959, S. 13–15. Übertragung und Teilfaksimile (2. und 3. Briefseite).

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d30428 (Version 2019‑04‑30).