Brief
Ludwig Thuille an Richard Strauss
Freitag, 20. Dezember 1889, München

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth
[1r]

Liebster Richard!

Ich kann Deine Langmuth unmöglich noch mehr auf die Probe stellen, als ich diess durch mein monatelanges Schweigen gethan habe.

Du kennst mich hoffentlich zu gut, als dass Du mir meine Schreibfaulheit, die allerdings durch stark in Anspruch genommene Zeit wesentlich unterstützt wurde, entgelten liessest; wir wissen jederzeit wie wir zu einander stehn – nichts kann unser langjähriges Freundschaftsbündnis trüben, wenn auch der persönliche Verkehr durch äussere Umstände oft auf lange Zeit gehemmt sein mag.

Übrigens erfuhrst Du ja durch Onkel Ritter das Wesentliche von mir von Zeit zu Zeit – Besonderes ist mit mir ja ohnedies nicht vorgegangen. –

In letzter Zeit hat mich der vierhändige Klavierauszug des Sextetts, das ich Dir in Partitur beilege, sehr aufgehalten. Ich hatte diese Arbeit leider auf die lange Bank geschoben; ist es an und für sich schon sauer, längst Verdautes noch einmal gründlich wiederzukäuen, so wird dies durch langes Hinausschieben nicht reizvoller. Endlich ist er abgeschickt, und ich atme wieder auf! –

Mit grosser Freude und Befriedigung ersehe ich aus allen Berichten, die aus Weimar einlaufen, dass die dortigen Verhältnisse Dir vorderhand entsprechen, und dass Dein Wirkungskreis, wenn seine Peripherie auch nicht allzugross ist, Dich anregt und Deiner würdig ist.

Mit begreiflichem Interesse habe ich von Deinen Concertprogrammen Kenntnis genommen, mit riesiger Freude die Nachricht von dem zündenden Erfolg Deines – »meines« »Don Juan«1 vernommen! Onkel und ich wurden allerdings sehr wehmütig, dass es uns, die doch wie kein andrer Deinen Genius aus dieser unvergleichlichen Schöpfung zu würdigen und in uns aufzunehmen berufen sind, nicht vergönnt sein sollte, dieser Taufe beizuwohnen!

Es ist also nun doch so gekommen, wie ich gehofft habe: »Don Juan« erscheint zuerst, und wird durch seine Siege die erstaunten und erhobenen, sowie auch die »empörten« Menschen auf »Macbeth« und »Tod und Verklärung«2 vorbereiten. Die Partitur des letzteren Werkes, von dem mir Onkel nicht genug vorschwärmen kann, erwarte ich täglich von ihm. Gelt, das widmest Du dem lieben Onkel, der ja doch in gewissem Sinne an der intellectuellen Urheberschaft Deiner neuen Werke wesentlich betheiligt ist. –

Ich komme leider nicht alle Tage zu Leibenfrost3, habe wieder sehr viele Stunden, bin trotzdem frisch und munter, und denke viel und eingehend über unsere Kunst nach.

Was ich zunächst in Angriff nehmen werde, weiss ich noch nicht genau. Für eine symphonische Dichtung fühle ich mich noch nicht reif genug; zudem muss ich mich durch eine kleine Arbeit wieder in die Orchestertechnik einzuarbeiten suchen, da meine Kenntnisse hievon seit meiner Symphonie sich denn doch wesentlich vertieft haben dürften.

Apropos Symphonie betreffend möchte ich in Parenthese erwähnen, daß die Wiener Aufführung wieder in’s Wasser gefallen ist. Nachdem ich bis Mitte October vergeblich auf irgend ein Lebenszeichen von dort gewartet hatte, erhielt ich durch einen xbeliebigen Musikgesellschaftsmeyer Partitur und Stimmen zugesandt, mit der lakonischen Meldung, dass mein opus nicht in die Programme der saubern Bande aufgenommen werden konnte. Warum? stand nicht zu lesen. Richter4 hat es nicht der Mühe wert gefunden, mich einer erklärenden Zeile zu würdigen. Ist auch ein schäbiger Pfründner!

Mir war es persönlich ziemlich gleichgültig, da, wie Du weisst, meine Anhänglichkeit an dieses sehr anständige, aber immerhin harmlose Produkt eines harmlosen Talents sehr minimal ist. Von Berlin habe ich überhaupt noch keine Nachricht, kümmere mich auch um das Schicksal meiner Partitur nicht weiter, da mir auch die dortige Aufführung ziemlich Wurst ist. –

Das Sextett hat in Dresden an einem kleineren Abend des Tonkünstlervereins sehr gefallen, wird am 24. Jänner öffentlich aufgeführt. Auch aus Frankfurt und Köln hörte ich von beabsichtigten Aufführungen. Hier hört man es natürlich ganz zuletzt, wenn keine Seele mehr davon spricht! –

Von einigem Interesse für mich ist mein Männergesangverein5; hauptsächlich wohl, weil ich mich da als Dirigent üben kann. Ich kann zu meiner Befriedigung constatieren, dass ich hierin seit meinem Erstlingsversuch gelegentlich der »Symphonie« sehr viel gelernt habe, nicht zum Wenigsten durch Dich, alter Freund. Damals war es noch mehr der ausübende Körper, der mich dirigierte, eine passive Eigenschaft, die ja die meisten Durchschnitts-Dirigenten charakterisiert. Ich bemerke jetzt, dass zum guten Dirigenten nur ein ganz bestimmtes, apodiktisches, r[h]ythmisches Wollen befähigt, das mir anzueignen ich auf dem besten Wege bin. Ich hatte jüngst mein erstes Concert mit dem Verein, eröffnete dasselbe mit Liszt und Cornelius, und machte mir den Extraspass, zur grossen Verblüffung aller anwesenden Dirigentchen der Concurrenz-Gesangvereine, sämmtliche Chöre, die allerdings nur a capella waren, auswendig zu dirigieren, und zwar mit sehr freier Temponuancierung, was mir auch ganz vorzüglich gelang. – Mein nächstes Concert (im Mai) wird Chöre mit Orchester bringen; es wird abermals den erhabenen Namen Liszt’s an der Spitze führen, indem ich »An die Künstler« aufführen werde. – Von einer unerquicklichen Geschichte, die hier mit dem Lausbuben von der Augsburger Abendzeitung gespielt hat, wird Dir Onkel vielleicht berichtet haben oder noch berichten. Ich mag nicht davon sprechen, weil es mich zu sehr ärgert; mache Dich jedoch darauf aufmerksam, dass der gute Onkel die Sache etwas falsch beurtheilt, sofern sie die Musiker berührt! –

Viele Freude erlebe ich an unserem Comtesschen6, der ich nun auch regelmässig Gesangsstunden gebe. Du kannst überzeugt sein, dass ich ganz im Sinne Deiner Intentionen wirke, und allerdings hiefür einen ganz ausserordentlich guten Boden vorfinde. Es ist merkwürdig, wie schnell, wie tief dieses reizende Geschöpf auch die kleinste poetische Anregung erfasst. Wir haben zuletzt die »Dolorosa« Lieder von Jensen7 studiert. Dieser Cyklus besticht bei erstem Durchlesen durch äusserst geschmeidige und elegante formelle Gestaltung, verliert aber bei näherer Bekanntschaft durch die gar zu arge Vernachlässigung des dichterischen Gedankens, indem, abgesehen von geradezu haarsträubenden Verstössen gegen die Declamation und die plastische Phrasierung, dem Ausdruck des Gedichts sehr häufig eine Musikmacherei aufgepfropft wird, die allen Principien von homgener [sic] Stimmung etc Hohn spricht. Sieh Dirs doch einmal an, Du wirst mitleidig lächeln über vieles. Trotzdem war es mir interessant, der Kleinen an der Hand des dichterischen Gedankens den Ausdruck möglichst getreu wiederzugeben zu lehren, und sie hat es richtig fertig gebracht, mir gestern den ganzen Cyklus so famos vorzusingen, dass ich nur gewünscht hätte, Du möchtest dabei gewesen sein. Ausserdem studierten wir die Weihnachtslieder von Cornelius8, reizende kleine Gebilde voll kindlicher Einfalt und Herzlichkeit, allerdings arg mit Declamationsfehlern schlimmster Art behaftet; auf Ritters Empfehlung einige Lieder aus op 100 von Bendel9, die wirklich gar nicht übel sind, Liszt’s »wer nie sein Brod mit Thränen ass« die zwei letzten »Brautlieder« von Cornelius (natürlich transponiert) und a. m. – Ich habe den Auftrag Dich herzlichst zu grüssen, sie frägt häufig nach Dir, und schwärmt noch immer von Bayreuth … –

Nun bin ich richtig bei der zwölften Seite angelangt, eine Leistung, die Du in Anbetracht meines »Schreibkrampfs«, hoffentlich nach Gebühr respektiren wirst! – Mein Bubi ist vergnügt und gesund, kann auf Verlangen drei Noten singen, ein gymnastisches »Kunststück« machen, eine Grimasse schneiden und anderes Neckiges mehr. Das Weiblein ist halt hochschwanger verzeihen Sie das harte Wort, im Übrigen wohlauf, und grüsst Dich tausendmal herzlichst.

Dasselbe thut

Dein

alter, unveränderter

Ludwig.

NB: Lege auch ein Exemplar »Frauenlieder«10 bei, wenn Du vielleicht Lust hast, sie mit der de Ahna11 zu studieren, der andere Cyclus12 ist leider noch nicht da!

Grüsse von uns an die de Ahna!

1Don Juan op. 20 ist Ludwig Thuille gewidmet. Die UA fand am 11.11.1889 mit der Hofkapelle im Weimarer Großherzoglichen Hoftheater unter Leitung von Richard Strauss statt. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
2Macbeth op. 23 ist Alexander Ritter, Tod und Verklärung op. 24 Friedrich Rösch gewidmet. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
3In der Weinstube »Leibenfrost« am Promenadenplatz hatten sich Alexander Ritter, Ludwig Thuille und Richard Strauss während dessen Münchner Engagements regelmäßig zum Dämmerschoppen getroffen. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
4Hans Richter (1843–1916), österreichischer Dirigent, war 1867–1869 an der Hofoper in München, 1871–1875 in Budapest und anschließend an der Hofoper in Wien; 1875–1898 leitete er dort die Philharmonischen Konzerte und 1880–1890 die Konzerte der Gesellschaft der Musikfreunde. Seit er die Meistersinger-Partitur für den Stich übertragen hatte, war er mit Bayreuth verbunden. 1876 dirigierte er die UA des Ring des Nibelungen. Die Leitung beider Werke hatte er mit Unterbrechung bis 1912 inne. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
5Thuille hatte die musikalische Leitung des Münchner Männergesangsvereins »Liederhort« übernommen. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
6Comtesschen: Maria Gräfin Montgelas (geb. 1864), Tochter des Bayer. Kämmerers und Gesandten Ludwig Graf von Montgelas (1847–1892) und der Anna Gräfin von Seinsheim. Sie trat in den Orden vom Hl. Herzen Jesu in Prag ein. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
7Adolf Jensen (1837–1879), Komponist, dessen Lieder (in der Nachfolge Schumanns) und Klavierstücke seinerzeit sehr beliebt waren. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
8Peter Cornelius (1824–1874), Komponist. Neben seiner Oper Der Barbier von Bagdad fanden seine Lieder (u. a. der Zyklus Trauer und Trost, Weihnachtslieder op. 8, Brautlieder) weite Verbreitung. Ludwig Thuille verfaßte 1891 den Klavierauszug zu der Oper Der Cid »nach den Ergebnissen der Revision und Bearbeitung für die Münchner Hofbühne«. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
9Franz Bendel (1833–1874), Komponist von Klavierstücken und Liedern. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
10Drei Frauenlieder nach Karl Stieler für eine Frauenstimme mit Begleitung des Pianoforte op. 5. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
11Pauline Strauss, geb. de Ahna (1863–1950), Sopranistin, Tochter des Kgl. Bayer. Generalmajors im Kriegsministerium Adolf de Ahna (1830–1906), Schülerin der Münchner Musikschule und von Max Steinitzer, Richard Strauss, Franziska Ritter, Emilie Herzog, Rosa von Milde und Emilie Merian-Genast. Sie sang während der Kapellmeisterzeit Richard Strauss’ am Hoftheater in Weimar (Verlobung am 10.5.1894 in Weimar, Hochzeit am 10.9.1894 in Marquartstein). Anschließend hatte sie einen Gastvertrag am Hoftheater in München und wirkte schließlich als Interpretin seiner Lieder auf den Gastspielreisen von Richard Strauss mit. 1891 und 1894 sang sie in Bayreuth. Ihr sind die Lieder op. 27, op. 32, op. 37, op. 49,1 und op. 56,1 sowie die Symphonia Domestica gewidmet. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
12Von Lieb und Leid, Ein Liederkreis nach Gedichten von Karl Stieler für hohe Singstimme (Tenor) und Klavier. [Anmerkung in Transkriptionsgrundlage].
verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Unbekannt

    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

Bibliographie (Auswahl)

  • Edition in Richard Strauss / Ludwig Thuille / Franz Trenner (Hrsg.): Richard Strauss – Ludwig Thuille: Ein Briefwechsel (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft München, Bd. 4), Tutzing, 1980, S. 105–109 (Transkriptionsgrundlage).

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d30437 (Version 2017‑03‑31).

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