Brief
Richard Strauss an Josepha Strauss / Franz Strauss (sen.)
Montag, 9. Januar 1905, Berlin

relevant für die veröffentlichten Bände: I/3a Salome
[1r]

[Richard Strauss:] Liebe Eltern!

Wenn auch nur in wenigen Zeilen, ich habe schrecklich viel zu thun: heute Abend ehernes Pferd, morgen Don Juan, von Freitag ab den ganzen Nibelungenring mit Proben, am 18.ten in Plauen (Wagnerverein) domestica [sic] mit dem Chemnitzer Orchester, am 23.ten Taillefer bei Siegfr. Ochs, 24. u. 25.ten in Nürnberg (Straussconcerte mit domestica), 27.ten Teplitz dto. etc. – will ich Euch nur kurz berichten, daß unsre gestrige Matinee glänzend verlaufen ist, Heldenleben u. Domestica gingen eminent, trotzdem ein III. Hornist vom Opernhaus die domestica im Conzert vom Blatt lesen musste. Pauline war vortrefflich bei Stim̅e, mußte [1v] Morgen wiederholen, sollte auch Cäcilie wiederholen, was wir aber nicht taten, damit das Concert nicht zu lange würde.

Das Concert war beinahe ausverkauft; am Schluß unzählige Hervorrufe, viele Musiker da, sogar der alte Joachim mit 2 Partituren bewaffnet. Kurz[,] es war großartig.

Pauline kom̅t am 31. Januar auf mindestens 8 Tage nach München, da kann sie Euch ausführlicher berichten. Ich sitze mitten in der Arbeit, seit 10 Tagen täglich bis Nachts 1 Uhr am Schreib-, nur gestern Abend zur Erholung ebenso lang am Skattisch. Salomepartitur im̅erhin seit Anfang Dezember schon bis zur 50.ten Seite gediehen. –

Am Neujahrstag wurde ich im ehernen Pferd schon wieder vom Kaiser empfangen, man wird jetzt höflicher gegen [2r] die deutschen Componisten, der ganze Leoncavallorum̅el hat sich doch etwas stärker ausgewachsen, als dem hohen Herrn lieb ist, wenn er sich’s auch nicht merken läßt.

Sonst geht Alles hier seinen ruhigen Gang: Weingartner scheint wirklich die Conzerte aufgeben zu wollen, die mir dann sehr wahrscheinlich nächsten Winter in den Schoß fallen, wenn nicht Muck einen Strich durch die Rechnung macht. Das Orchester will ihn nicht, weil er nicht »zieht«. Na, abwarten. Bis auf eine kleine Nesselsucht, die sich bei Pauline gestern gerade vor dem Conzert eingestellt hat, sind wir alle wohl u. munter u. hoffen von Euch das Gleiche. Pauline will sich am 1. Februar in Mü[n]chen auch eine neue Köchin suchen; vielleicht ist Hanna so gut, vorher bereits die wichtigsten Verdingsbureaus persönlich darüber zu avertiren.

Tausend Güße Euch Allen. R.

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Claudia Heine

Quellennachweis

  • Original: [unbekannt] (Autograph)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
      • Pauline Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

    • Reproduktionen:

      • Richard-Strauss-Archiv (Garmisch-Partenkirchen), Signatur: [RICHARD STRAUSS AN ELTERN U. SCHWESTER, 1894–1949, Nr. 605a] (Transkriptionsgrundlage)

        • Autopsie: 2016-11-15

      • Bayerische Staatsbibliothek (München), Signatur: Ana 330.I.Strauss, Nr. 543a

        • Autopsie: 2017-12-22

Bibliographie (Auswahl)

  • Edition in Richard Strauss / Willi Schuh (Hrsg.): Briefe an die Eltern 1882–1906, Zürich, Freiburg (Breisgau), 1954, S. 299–300.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d30466 (Version 2019‑04‑12).

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