Dokumentation Gesangstexte
Fünf Lieder op. 47
5. Von den sieben Zechbrüdern

relevant für die veröffentlichten Bände: II/4 Lieder op. 46 bis op. 56
Edierter LiedtextTextvorlage bei Komposition
Von den sieben ZechbrüdernVon den sieben Zechbrüdern.
Ich kenne sieben lust’ge Brüder,Ich kenne sieben lustge Brüder,
sie sind die durstigsten im Ort;Sie sind die durstigsten im Ort;
die schwuren höchlich, niemals wiederDie schwuren höchlich, niemals wieder
zu nennen ein gewisses Wort,Zu nennen ein gewisses Wort,
in keinerlei Weise, In keinerlei Weise,
nicht laut und nicht leise. Nicht laut und nicht leise.
Es ist das gute Wörtlein Wasser,Es ist das gute Wörtlein Wasser,
darin doch sonst kein Arges steckt.Darin doch sonst kein Arges steckt.
Wie kommt’s nun, dass die wilden PrasserWie kommts nun, daß die wilden Prasser
dies schlichte Wort so mächtig schreckt?Dies schlichte Wort so mächtig schreckt?
Merkt auf! ich berichte Merkt auf! ich berichte
die Wundergeschichte. Die Wundergeschichte.
Einst hörten jene durst’gen SiebenEinst hörten jene durstgen sieben
von einem fremden Zechkumpan,Von einem fremden Zechkumpan,
es sei am Waldgebirge drübenEs sei am Waldgebirge drüben
ein neues Wirthshaus aufgethan,Ein neues Wirthshaus aufgethan,
da fliessen so reine, Da fließen so reine,
so würzige Weine. So würzige Weine.
Um einer guten Predigt willenUm einer guten Predigt willen
hätt’ keiner sich vom Platz bewegt;Hätt’ keiner sich vom Platz bewegt:
doch, gilt es, Gläser gut zu füllen,Doch, gilt es, Gläser gut zu füllen,
sind die Bursche gleich erregt.Dann sind die Bursche gleich erregt.
„Auf, lasset uns wandern!“ „Auf, laßet uns wandern!“
Ruft einer dem Andern. Ruft einer dem Andern.
Sie wandern rüstig mit dem Frühen.Sie wandern rüstig mit dem Frühen;
Bald steigt die Sonne drückend heiss,Bald steigt die Sonne drückend heiß,
die Zunge lechzt, die Lippen glühen,Die Zunge lechzt, die Lippen glühen
und von der Stirne rinnt der Schweiss.Und von der Stirne rinnt der Schweiß:
Da rieselt so helle Da rieselt so helle
vom Felsen die Quelle. Vom Felsen die Quelle.
Wie trinken sie in vollen Zügen!Wie trinken sie in vollen Zügen!
Doch als sie kaum den Durst gestillt,Doch als sie kaum den Durst gestillt,
bezeugen sie ihr Missvergnügen,Bezeugen sie ihr Mißvergnügen,
dass hier nicht Wein, nur Wasser quillt:Daß hier nicht Wein, nur Wasser quillt:
„O fades Getränke! „O fades Getränke!
O ärmliche Schwenke!“ O ärmliche Schwenke!“
In seine vielverwobnen GängeIn seine vielverwobnen Gänge
nimmt jetzt der Wald die Pilger auf.Nimmt jetzt der Wald die Pilger auf.
Da stehn sie plötzlich im Gedränge,Da stehn sie plötzlich im Gedränge,
verworrnes Dickicht hemmt den Lauf.Verworrnes Dickicht hemmt den Lauf:
Sie irren, sie suchen, Sie irren, sie suchen,
sie zanken und fluchen. Sie zanken und fluchen.
Derweil hat sich in finstre WetterDerweil hat sich in finstre Wetter
die schwüle Sonne tief verhüllt;Die schwüle Sonne tief verhüllt;
schon rauscht der Regen durch die Blätter,Schon rauscht der Regen durch die Blätter,
es zuckt der Blitz, der Donner brüllt;Es zuckt der Blitz, der Donner brüllt;
dann kommt es geflossen, Dann kommt es geflossen,
unendlich ergossen. Unendlich ergossen.
Bald wird der Forst zu tausend Inseln,Bald wird der Forst zu tausend Inseln,
zahllose Ströme brechen hervor;Zahllose Ströme brechen vor;
hier hilft kein Toben, hier hilft kein Winseln,Hier hilft kein Toben, hilft kein Winseln:
er muss hindurch, der edle Chor.Er muß hindurch, der edle Chor.
O gründliche Taufe! O gründliche Taufe!
O köstliche Traufe! O köstliche Traufe!
Vor Alters wurden MenschenkinderVor Alters wurden Menschenkinder
verwandelt oft in Quell und Fluss;Verwandelt oft in Quell und Fluß:
auch unsre sieben arme SünderAuch unsre sieben arme Sünder
bedroht ein gleicher Götterschluss.Bedroht ein gleicher Götterschluß:
Sie triefen, sie schwellen, Sie triefen, sie schwellen,
als würden sie Quellen. Als würden sie Quellen.
So, mehr geschwommen, als gegangen,So, mehr geschwommen, als gegangen,
gelangen sie zum Wald hinaus;Gelangen sie zum Wald hinaus,
doch keine Schenke sehn sie prangen,Doch keine Schenke sehn sie prangen:
sie sind auf gradem Weg nach Haus;Sie sind auf gradem Weg nach Haus:
schon rieselt so helle Schon rieselt so helle
vom Felsen die Quelle. Vom Felsen die Quelle.
Da ist’s, als ob sie rauschend spreche:Da ists, als ob sie rauschend spreche:
„Willkommen, saubre Brüderschaar!„Willkommen, saubre Brüderschaar!
Ihr habt geschmähet, thöricht Freche,Ihr habt geschmähet, thöricht Freche,
mein Wasser, das euch labend war.Mein Wasser, das euch labend war:
Nun seid ihr getränket, Nun seid ihr getränket,
dass ihr daran denket.“ Daß ihr daran denket.“
So kam es, dass die sieben BrüderSo kam es, daß die sieben Brüder
das Wasser fürchteten hinfortDas Wasser fürchteten hinfort
und dass sie schwuren, niemals wiederUnd daß sie schwuren, niemals wieder
zu nennen das verwünschte Wort,Zu nennen das verwünschte Wort,
in keinerlei Weise, In keinerlei Weise,
nicht laut und nicht leise. Nicht laut und nicht leise.
verantwortlich für diesen Datensatz: Andreas Pernpeintner

Quellennachweis

Edierter Liedtext
Richard Strauss: Lieder mit Klavierbegleitung op. 46 bis op. 56, hrsg. von Andreas Pernpeintner, Wien: Verlag Dr. Richard Strauss 2020 (= Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe, II/4)
Textvorlage bei Komposition
Gedichte von Ludwig Uhland. Siebenundvierzigste Auflage, Stuttgart 1863, Verlag der J.G. Cottaschen Buchhandlung, S. 316 f.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/t10376 (Version 2020‑02‑07).