Brief
Richard Strauss an Emil Struth
Montag, 30. April 1888, München

relevant für die veröffentlichten Bände: III/5 Don Juan

[1r] Richard Strauss an Konsul E. Struth, Mailand.

Brief1

Lieber Freund!

Gestern las ich in der Frankf. [Frankfurter] Zeitung von der Verlobung einer Ihrer Töchter mit dem famosen, liebenswürdigen Hugo Becker u. verbinde nun mit dem Ihnen längst versprochenen Lebenszeichen die herzlichste Gratulation für Sie, Ihre Frau und das Brautpaair. Immer wollte ich schon an Sie schreiben, aber Sie wissen ja, wie es geht, zudem habe ich jetzt, da Levi in dreimonatlichen, hochgradig nervösen Urlaub gegangen abgegangen ist, starken Theaterdienst, ich studiere Rich. Wagners Feen u. a. ein, die Ende Juni herauskommen sollen. – Wie gut es mir in Berlin mit der Italienischen Fantasie gegangen ist, haben Sie wohl geelesen, großartiges Orchester, ein hervorragend intelligentes Publikum (natürlich hält der Künstler jedes stark applaudierende Publikum für hoch verständig), kurz u. gut, es war famos, nach den reizenden Mailänder Tagen wieder ein wirklicher Lichtblick in diesem so traurigen Leben, in dem einem, um nur den fürchterlichen Krallen der Langeweile zu entgehen, absolut gar nichts übrig bleibt, als fleißig zu arbeiten. Dieser so trefflichen Einsicht ist nun auch wieder manches Gute (vielleicht auch Schlechte) entsprungen, unter anderem ein Operntext, den ich mir höchst eigenhändig erfunden u. gedichtet habe u. der nun im ersten Entwurfe vorliegt. Eine Reihe neuer Lieder, eine neue sinfonische Dichtung Don Juan (nach Lenau) ist begonnen, etc. etc.

Na, wie geht es Ihnen denn, lassen Sie doch auch mal wieder etwas von sich hören, wie war denn Lohengrin u. Ihr letzter Beethovenabend unter Faccio, hat Ihnen die königliche Judenoper gefallen? Otello hat bei uns grossen Erfolg u. eine brillante Aufführung gehabt, das Werk ist grossartig u. imponiert mir sehr; Levi hatte sich sehr viel Mühe damit gegeben, Vogl war besonders darstellerisch ausgezeichnet, dto. Gura, Chöre u. Orchester unübertrefflich. [2r]

Wie gefiel Ihnen das Walterquartett, künstlerisch u. persönlich? – 17. Mai bis 13. Juni haben wir Theaterferien u. werde ich auf 14 Tage nach Gardasee, Verona, Padua u. Venedig gehen, wo ich mit Pollini u. hoffentlich auch Freschi Rendezvous habe. Wenn Sie u. die Ihrigen nicht schon in Frankfurt sind, (wie Sie mir damals sagten), so kommen Sie doch auch auf ein paar Tage nach Venedig 6(vom 21. bis 28. Mai), das wäre doch reizend! Sicher hoffe ich jedoch, Sie u. Ihre liebe Familie im Sommer hier zu sehen, die Ausstellungen werden großartig etc. etc. Oder soll ich Ihnen den Mund noch ein bischen wässerig machen? Nicht nötig! Sie kommen doch!

Wie geht es Bazzini (chen) Seine Ouvertüre zu Saul scheint ja sehr gefallen zu haben, sagen Sie ihm doch mit besten Grüssen, er soll mit eine Partitur schicken oder noch besser: sie selbst im Sommer mitbringen! Reden Sie ihm doch zur Reise zu oder nehmen Sie ihn einfach unter den Arm u. setzen Sie ihn in den Zug nach München, das ist das rationellste!

Mit Bülow habe ich in Berlin viele himmlische Stunden verlebt, ihn auch in Hamburg besucht, er schickte mir neulich das Programm eines ehemals von ihm in Mailand dirigierten Concertes, wobei er sich meinen »17jährigen Vorgänger« nennt. Er hofft auch im Sommer zur Ausstellung hier zu sein, vielleicht treffen Sie ii smich da.! Nun adieux! Lassen Sie einmal wieder von sich hören! Die schönsten Grüsse an Sie, Ihre liebe Familie, den glücklichen Bräutigam u. alle Freunde von

Ihrem

Rich. Strauss

1Überschrift der Abschrift (Typoskript) v. f. H.
2Überschrift der Fortsetzung, mit Schreibfehler. Gemeint ist: 30.4.88.
verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Stadtarchiv Mannheim (Mannheim), Sammlung: Briefsammlung Helmut Grohe und Nachlass Wilhelm Bopp (Autograph)

    • Hände:

      • Richard Strauss
    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

  • Original: Richard-Strauss-Archiv (Garmisch-Partenkirchen), ohne Signatur (Typoskript) (Transkriptionsgrundlage)

    • Hände:

      • unbekannt (maschinenschriftlich)
    • Autopsie: 2017-07-25

Bibliographie (Auswahl)

  • Edition in Franz Grasberger (Hrsg.) / Franz Strauss (Mitarb.) / Alice Strauss (Mitarb.): Der Strom der Töne trug mich fort: Die Welt um Richard Strauss in Briefen, Tutzing, 1967, S. 39–40.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d01850 (Version 2018‑01‑26).

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