Brief
Richard Strauss an Hans von Bülow
Freitag, 24. August 1888, München

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth, III/5 Don Juan

Wichtig für Strauß! Bitte gelegentl. retour1

Hochverehrtester Herr von Bülow!

Herzlichen Dank für Ihre liebenswürdigen Zeilen u. die freundlichen Ratschläge, die ich nach bestem Wissen u. Gewissen, u. mit dem Aufwand meiner ganzen diplomatischen Schläue befolgen werde. Mit der Fmollsinfonie dürfte es wohl in Karlsruhe vergeblich sein, noch einen Versuch zu machen, nachdem voriges Jahr Mottl die Partitur derselben mit dem Bedauern, sie nicht aufführen zu können, zurückgesandt hat. Da werde ich es denn doch auf Durchfalls Gefahr hin mit No. 2 versuchen müssen, die ich demnächst mit einer höflichen Dedikation an Mottl zu schicken gedenke. Macbeth [1v] ruht einstweilen stillresignirt in meinem Pulte begraben, die darin niedergelegten Dissonanzen suchen unterdessen sich gegenseitig aufzufressen. Don Juan wird ihm vielleicht bald Gesellschaft leisten. Auf beider Grabe erblüht einstens vielleicht jenes geheuerliche Blümlein, mit dessen stiller Poesie in zweifachem Gehölze ich mich allmählich zu befreunden bemühte. Doch nun ernsthaft gesprochen: das zweifache Holz verspreche ich Ihnen für meine weitern Arbeiten ganz sicher! Auch mit Beschränkung der großen technischen Schwierigkeiten werde ich mir die denkbar größte Mühe geben. Ob ich aber vorläufig auf dem Wege, auf dem ich in consequenter Entwicklung von der Fmollsinfonie her gelangt bin, umkehren kann, darüber kann ich jetzt noch Nichts bestimmtes [2r] äußern. Eine Anknüpfung an den Beethoven der Coriolan-, Egmont-, Leonore III.‑ouvertüre, der Les Adieux, überhaupt an den letzten Beethoven, dessen gesamte Schöpfungen nach meiner Ansicht ohne einen poetischen Vorwurf wohl unmöglich entstanden wären, scheint mir das einzige, worin eine Zeit lang eine selbständige Fortentwicklung unserer Instrumentalmusik noch möglich ist. Wenn mir die künstlerische Kraft u. Begabung fehlen sollte, auf diesem Wege was ersprießliches zu leisten, dann ist es wohl besser, es bei der großen 9 mit ihren 4 berühmten Nachzüglern zu belassen; ich sehe nicht ein, warum wir uns, bevor wir unsere Kraft erprobt haben, ob es uns möglich ist, selbstständig zu schaffen u. die Kunst vielleicht einen kleinen [2v] Schritt vorwärts zu bringen, sofort in das Epigonenthum hineinreden wollen u. uns, im Voraus auf diesen Epigonenstandpunkt stellen wollen; wenn’s Nichts geworden ist – na: dann halte ich es immer noch für besser, nach seiner wahren künstlerischen Überzeugung vielleicht auf einem Irrweg etwas Falsches, als auf der alten, ausgetretenen Landstraße etwas Überflüssiges gesagt zu haben. –

Gestatten Sie mir noch eine kleine Expektoration, in der es mir vielleicht gelingt, Ihnen genau meinen Standpunkt zu präcisieren, vielleicht kann ich Ihnen schriftlich sagen, was ich mündlich nicht gekonnt habe. –

Ich habe mich von der Fmollsinfonie weg in einem allmählich immer größeren Widerspruch zwischen dem musikalischpoetischen Inhalt, den ich mitteilen wollte u. der uns von den Classikern [3r] überkom̅enen Form des dreiteiligen Sonatensatzes befunden. Bei Beethoven deckte sich musikalischpoetischer Inhalt meistens vollständig mit eben der »Sonatenform«, die er zur höchsten Vollendung steigerte u. die der erschöpfende Ausdruck dessen ist, was er empfand u. sagen wollte. Doch finden sich schon bei ihm Werke (der letzte Satz der letzten Asdur Sonate, Adagio des Amollquartetts etc.), wo er sich für einen neuen Inhalt eine neue Form schaffen mußte. – Was nun bei Beethoven einem höchsten, herrlichsten Inhalte absolut congruente »Form« war, wird nun seit 60 Jahren als eine von unserer Instrumentalmusik unzertrennliche (was ich entschieden bestreite) Formel gebraucht, der ein »rein musikalischer« (in des Wortes strengster u. nüchternster Bedeutung) Inhalt einfach anzubequemen u. einzuzwängen, oder schlim̅er, die mit einem ihr nicht entsprechenden Inhalte [3v] an‑ und auszufüllen war. –

Will man nun ein in Stimmung u. consequentem Aufbau einheitliches Kunstwerk schaffen u. soll dasselbe auf den Zuhörer plastisch einwirken, so muß das, was der Autor sagen wollte, auch plastisch vor seinem geistigen Auge geschwebt haben. Dies ist nur möglich in Folge der Befruchtung durch eine poetische Idee, mag dieselbe nun als Programm dem Werke beigefügt werden oder nicht. Ich halte es nun doch für ein rein künstlerisches Verfahren, sich bei jedem neuen Vorwurfe auch eine dementsprechende Form zu schaffen, die schön abgeschlossen u. vollkom̅en zu gestalten allerdings sehr schwer, aber dafür desto reizvoller ist. Ein rein formales, Hanslick’sches Musicieren ist dabei allerdings nicht mehr möglich, nun wird es aber auch keine planlosen Floskeln, bei denen [4r] Componist u. Hörer sich nichts denken können, u. keine Sinfonien (Brahms selbstverständlich ausgenom̅en) mehr geben, die mir im̅er nur den Eindruck eines riesigen, einem Herkules angemessenen Gewandes machen, in dem ein dünner Schneider sich elegant bewegen will. –

Der genaue Ausdruck meines künstlerischen Denkens u. Empfindens, u. im Stÿl das selbständigste u. zielbewußteste Werk, das ich bis jetzt gemacht habe, ist nun Macbeth. –

Vielleicht befreunden Sie sich an einem neueren Werke von mir, das einen weniger schroffen u. grausigen Inhalt als Macbeth hat, mit dem von mir nun eingeschlagenen Wege.

Wenn nicht, so verzeihen u. vergessen Sie, bitte, diesen schwachen u. vielleicht unklaren Versuch, von Ihnen wenigstens »nicht ungehört zu bleiben«. – Indem ich [4v] Ihnen nochmals herzlichen Dank für Ihre lieben Zeilen sage, verbleibe ich mit der Bitte, mich Ihrer Frau bestens empfehlen zu wollen, u. den herzlichsten Grüßen Ihr in ausgezeichnetster Hochachtung u. Bewunderung

stets treu ergebenster

Richard Strauss.

Herzliche Grüße von Ritter

u. Spitzweg.

Theorie grau od. grün – aber Praxis heißt: schöne melodiöse Musik machen.2

1Notiz von Hans von Bülow auf dem ihm zugegangenen Brief.
2Notiz von Hans von Bülow auf dem ihm zugegangenen Brief.
verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Meininger Museen, Sammlung Musikgeschichte, Max-Reger-Archiv (Meiningen), Signatur: Br 184, 34 (Autograph)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
      • Hans von Bülow (handschriftlich)
    • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

    • Reproduktionen:

      • Forschungsstelle Richard-Strauss-Ausgabe (München), ohne Signatur (Transkriptionsgrundlage)

    • Original: Österreichische Nationalbibliothek (Wien), Signatur: F50.IMBA.38 Mus (Typoskript)

      • Hände:

        • unbekannt (maschinenschriftlich)
      • Autopsie: Keine Autopsie des Originals.

    Bibliographie (Auswahl)

    • Edition in Hans von Bülow / Richard Strauss / Willi Schuh (Hrsg.) / Franz Trenner (Hrsg.): Briefwechsel, in: Willi Schuh (Hrsg.): Richard-Strauss-Jahrbuch 1954, Bonn, 1953, S. 68–69.
    • Edition in Gabriele Strauss (Hrsg.): Lieber Collega! Richard Strauss im Briefwechsel mit zeitgenössischen Komponisten und Dirigenten, Bd. 1 (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 14), Berlin, 1996, S. 81–83.
    • Faksimile in Laurenz Lütteken: Richard Strauss. Musik der Moderne, Stuttgart, 2014, S. 74. Faksimile der letzten Briefseite mit Bemerkung Bülows unter dem Brief (transkribiert im Text. S. 75)

    Zitierempfehlung

    Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d01872 (Version 2018‑07‑09).