Brief
Richard Strauss an Johanna Strauß
Donnerstag, 16. Januar 1890, Weimar

relevant für die veröffentlichten Bände: III/4 Macbeth, III/5 Don Juan
[1r]

Liebe Hanna!

Der Sachverhalt ist, wie ich geschrieben, ich habe von Zischen nichts gehört, der Beifall war nicht geringer u. nicht stärker als nach der Brahmschen Sinfonie. Papa soll sich doch endlich einmal über die Lumpereien nicht mehr aufregen, es ist nämlich absolut Wurst, ob heute schon den Leuten meine neuen Sachen schon gefallen, man kann auch wirklich nicht verlangen von Leuten, die die nun schon 30 [Jahre] alten Lisztschen sinfonischen Dichtungen, die viel einfacher sind, wie z. B. mein Don Juan, noch nicht capiren, daß Sie meinen neuen Sachen schon Verständniß entgegenbringen. Wenn ich heute auf dem Niveau des jetzigen Publicums stünde, würde schon in 5 Jahren kein Hahn mehr nach Don Juan, Macbeth krähen. Also ruhig [1v] abwarten. Die Sache nim̅t ihren ruhigen, natürlichen u. nun seit 100 Jahren bekannten, guten Verlauf. Als Pflaster für Papa lege ich die Rede Bülow’s bei. Wenn die verfl– Zeitungen nur endlich einmal den Blödsinn ließen, daß ich Don Juan nach Lenau’s Faust componirt habe, wenigstens 5 Blätter haben den Unsinn abgedruckt.

Mir geht es sehr gut! Seit gestern frühstücke ich englisch 2 weiche Eier, Thee, Butterbrod, Roastbaeuf, Schinken u. glaube, daß mir das gut bekom̅en wird.

Hier geht alles den gleichen, gemütlichen, ruhigen Gang. Sonntag war Lohengrin, mit Frau Naumann als Elsa nicht besonders. Gestern u. heute Joseph, eine sehr gute Rolle von Zeller. Am 27.ten reise ich [2r] wahrscheinlich nach Berlin, hat Papa keine Lust, hinzufahren? Ich habe gestern Ritter eingeladen, auf meine Kosten nach Berlin zum Don Juan zu kom̅en, Papa soll doch mitkom̅en u. sich selbst überzeugen, wie sehr es dem Don Juan an »Klangschönheit« mangelt.

Ich habe wieder einen wundervollen Brief von Frau Wagner erhalten, sie wird wahrscheinlich Mitte Februar hierherkom̅en, auch werde ich sie wahrscheinlich Ende Januar in Berlin treffen!

Wenn Papa den Contrabassisten Sigler sieht, soll er doch so gut sein, ihn zu fragen, ob er keine ausgezeichneten Contrabassisten (wo möglich 5saitigen) weiß, wir brauchen notwendig einen. Gage im allerhöchsten Falle: 1000 M. Außerdem wird die Stelle des ersten Hornisten [2v] frei u. höre ich, daß Brost aus Hamburg gerne hieher käme. Kennt Papa oder Hoyer ihn? Ist er zu empfehlen? Ich weiß nur, daß er in Bayreuth das Meistersinger I. Horn geblasen hat.

Ich muß in’s Theater!

Tausend Grüße

Euer

R.

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Bayerische Staatsbibliothek (München), Signatur: Ana 330, I, Strauss, Nr. 174 (Autograph) (Transkriptionsgrundlage)

    • Hände:

      • Richard Strauss (handschriftlich)
    • Autopsie: 2014-10-09

Bibliographie (Auswahl)

  • Verzeichnet in Günter Brosche (Hrsg.) / Karl Dachs (Hrsg.): Richard Strauss: Autographen in München und Wien. Verzeichnis (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 3), Tutzing, 1979, S. 158.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d02107 (Version 2018‑01‑26).