Brief
Cosima Wagner an Richard Strauss
Dienstag, 25. Februar 1890, Bayreuth

relevant für die veröffentlichten Bände: III/5 Don Juan

[1r]

Ich denke daran, dass Sie, mein lieber Strauss, in diesem Augenblick dem erstaunten Frankfurt-Israel Ihren Don Juan zum Besten geben, und obgleich diese Zeilen erst dann abgehen werden, wenn das bereits Bestellte einläuft, will ich Ihnen doch gerade jetzt sagen, dass meine Theilnahme Sie überallhin begleitet, wohin Sie zu wandern haben.

Sehr gerne hätte ich auch I die Orchestration Ihres Stückes kennen gelernt, welche ich mir durchaus geschickt vorstelle, da Ihnen eine auf richtige Schulung gegründete, ungemeine Sicherheit des Urtheiles u. der Technik zu Theil [1v] geworden ist. Wollen Sie nun, mein lieber junger Freund, meine alte Gemüthlichkeit zu Rathe ziehen, so wird diese Sie auf Ihr Gefühl zurückführen u. Sie ermahnen, Ihr Herz recht anzuhören u. hie u. da der Intelligenz, welche die Schlagfertigkeit besitzt, Schweigen zu gebieten.

Ihr Herz, welches in so ergreifender Weise mir im Lohengrin entgegenschlug! Mit ungetheilter Freude gedenke ich dieser Aufführung u. glaube dass sie als Segen Ihre ganze Laufbahn begleiten wird.

Ich wollte einige Notizen für Sie nehmen u. fing auch (wie Sie aus dem beigelegten Blatte sehen) mit Kniese, der mir vorspielte, an. [2r] Aber, ich komme bei solchen Arbeiten im̅er sehr langsam vorwärts. Mit Kniese selbst verkehrte ich viel darüber, u. so kam ich kaum über den ersten Akt hinweg.* Wenn wir uns sehen, sprechen wir noch über Einzelnes.

(Da fällt mir ein, dass mir vor zwei Jahren ungefähr ein: »Regisseur Anton Otto, früher in Düsseldorf, gegenwärtig am Saison-Theater in Lübeck«, sehr empfohlen worden ist. Ich selbst kenne ihn nicht).

(Noch Eines in Parenthese, was ich vergass zu sagen: Das Urchristenthum, welches ich Dr. Herrig rühmte, würde ich doch nicht Ihnen jetzt zur Lektüre empfehlen; in der Jugend meine ich, möchte man sich möglichst [2v] mit dem Anschaulichen, Thatsächlichen, u. Gestalteten befassen, um gleichsam die Beispiele der späteren abstrakten Erkenntniss zuzuführen.)

Wir haben unser gutes, liebes Bayreuth in voller Wahlagitation vorgefunden. Alle Arbeiter sind nicht so fromm, wie die Ihres Onkel’s Pschorr u. weiss der liebe Him̅el, was hier in die Leute gefahren ist, ein guter Theil derselben ist plötzlich Freund Feustel abspänstig geworden. Krug, dessen Eindrücke vom Tristan ich Ihnen mittheilte, trat dieser Tage zu mir herein, liess sich durchaus nicht dadurch abhalten, dass ich inmitten eines mir wichtigen Briefes war, legte den Zeigefinger an die Stirn, erklärte: »die Menschheit ist zu dumm, [3r] man glaubt’s nicht, wie dumm die Menschheit ist«, erzählte mir seine Kneipenkämpfe u. setzte mir auseinander, wie nothwendig die Schutzzölle seien. 2 Mal entliess er mich, kam aber immer wieder zurück, indem er anzunehmen schien, nicht eindringlich genug gewesen zu sein. Ich lobte seine Gesinnung u. sagte: Herr Feustel sei Schuld, dass wir hierher gekom̅en seien, dass das Theater hier stünde folglich hätte man für ihn zu wählen. Da zuckte er mit den Achseln, wovon ich nicht weiss, ob das meiner Auffassung der Politik oder der Dum̅heit der Menschheit, welche ihm so leuchtend aufgegangen ist, galt.

Nun aber erzählen Sie mir von Frankfurt, von meinen Kindern, von [3v] Karlsruhe, wenn Sie dort waren, u. von sich.

Und leben Sie wohl, mein theurer Freund! Gott mit Ihnen, mit Ihrem Ernste, Ihrem Eifer, Ihrer Wahrhaftigkeit u. Ihrem Zartsinn! Ich werde mich im̅er freuen Ihnen zu begegnen, u. trotz der schlechten Eisenbahnverbindung wollen wir vereint bleiben!

C. Wagner.

Meine Tochter grüßt mit mir herzlichst u. wir Beide erführen gerne wie es Joukowsky geht.

Haben Sie unsere guten, geschwätzigen Vögel besucht?

*[Bl. 2r:] [vertikal:] u. nun ist er abgereist. [Originalanmerkung].
verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Richard-Strauss-Archiv (Garmisch-Partenkirchen), Signatur: [COSIMA WAGNER SIEGFRIED U. TÖCHTER, Nr. 5] (Autograph) (Transkriptionsgrundlage)

    • Hände:

      • Eva Wagner (handschriftlich)
    • Autopsie: 2017-07-25

Bibliographie (Auswahl)

  • Edition in Gabriele Strauss / Franz Trenner (Hrsg.), Cosima Wagner - Richard Strauss. Ein Briefwechsel (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 2), Tutzing, 1978, S. 26–28. Trenner verweist im Vorwort auf die Ähnlichkeit der Handschriften von Cosima und Tochter Eva Wagner.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d03000 (Version 2018‑07‑09).