Brief
Daniela Thode an Richard Strauss
Donnerstag, 13. März 1890, Frankfurt (Main)

relevant für die veröffentlichten Bände: III/5 Don Juan

[1r]

Werther und lieber Herr Capellmeister,

Ihre liebenswürdigen Zeilen sind meinem Manne und mir eine grosse Freude gewesen, da wir aus denselben ersahen dass Ihr kühner Ausflug in unsere Conzert-Öde Sie nicht gereut hat. Bei uns sind Sie unvergessen, Ihr Besuch – und Ihre nähere [1v] Bekanntschaft ist uns von herzlichstem Werthe gewesen und wir hoffen nur, dass durch die kommenden Zeiten es uns vergönnt sei, sie so freundschaftlich fortzusetzen als wir sie hier beginnen durften. Ich war seitdem in Hamburg, wo ich meinen Vater recht ermüdet fand und inmitten angestrengtester Thätigkeit – er spielte das Gdurconzert, dirigirte eine Spohr’sche Symphonie, eine Moszkowskische Fuge, vor allem aber die Freyschütz und Tannhäuser-Ouvertüre, welche Letztere für mich ein unbeschreiblich hoher Genuss war, bei dem ich eine ganze Menge Votrag gelernt habe – wir sprachen auch viel von Ihnen und [2r] er gedachte Ihrer mit dem ganzen vollen Interesse, das er Ihnen und der Entwicklung Ihrer so bedeutenden künstlerischen Gaben ja von je zuwendet. –

Weingartner kommt nächsten Donnerstag u. a. mit der Symphonie Fantastique – am selben Abend haben Dessoff und der Intendant Götze für die Oper berufen, so dass ich leider etwas für W’s [Weingartner’s] Conzert fürchten muss; gerne will ich Ihnen dann Bericht erstatten.

Anbei die Partitur des Todtentanz – kaum wage ich sie Ihnen zu senden, da sie innerlich gar jämmerlich veraltet aussieht, und hoffe nur auf Ihre freundliche Nachsicht, da sie nichts [2v] anderes sein soll als ein zufälliges Andenken an die gemeinschaftlich verbrachten Stunden. Siegfried hofft bestimmt gegen Ostern bei Ihnen zu sein – ob er schon zum 27. wird kommen können, ist noch sehr fraglich – er muss mir sehr oft den schwebend schönen Gdursatz aus D. Juan vorspielen, bei dem ich mir gerne eine wehmütig zarte ohnmächtige Gestalt denke, wie sie das Leben wohl manchmal, im Kampfe gegen sich selbst, hervorbringt. Leben Sie wohl lieber Herr Strauss – ich kann Ihnen aus unserem Leben nur noch mittheilen, dass unser Freund Hans Thoma jetzt ein Portrait meines Mannes macht und daß unser Liebling Joh. Brahms uns nächste Woche hier [1r] [vertikal:] öffentlich Clavier vorspielen wird.

Wir grüßen Sie auf’s Herzlichste und wünschen Ihrem edlen und ernsten Wirken alles Heil und Gelingen – Ihre ergebenste Daniela Thode

verantwortlich für die Edition dieses Dokuments: Stefan Schenk

Quellennachweis

  • Original: Richard-Strauss-Archiv (Garmisch-Partenkirchen), Signatur: [COSIMA WAGNER SIEGFRIED U. TÖCHTER, Daniela Thode (v. Bülow), Nr. 1] (Autograph) (Transkriptionsgrundlage)

    • Hände:

      • Daniela Thode (handschriftlich)
    • Autopsie: 2017-07-25

Bibliographie (Auswahl)

  • Edition in Gabriele Strauss / Franz Trenner (Hrsg.), Cosima Wagner - Richard Strauss. Ein Briefwechsel (= Veröffentlichungen der Richard-Strauss-Gesellschaft, Bd. 2), Tutzing, 1978, S. 285–286.

Zitierempfehlung

Richard Strauss Werke. Kritische Ausgabe – Online-Plattform, richard‑strauss‑ausgabe.de/d03002 (Version 2018‑07‑09).