| Edierter Liedtext | Textvorlage bei Komposition |
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| Gestern war ich Atlas | [ohne Titel; in Sammlung: Zweites Buch. Liebesfrühling, Vierter Strauß. Entfremdet., Nr. 57] |
| (Friedrich Rückert) | [Friedrich Rückert] |
| Als ich singen wollte zu der Liebe Preise, | |
| Statt in eig’ner, auch einmal in fremder Weise, | |
| War die Weise fremd im Anfang, aber wurde | |
| Eigen endlich auch im Liebeszauberkreise.– | |
| Geh’ in der Nacht im Garten an die Fluth, | |
| Wo schon der Lotos unter’m Wasser ruht. | |
| Entschleire dich! er taucht empor, und hält | |
| Für Sonnenaufgang deiner Wangen Gluth. – | |
| Alswie das Käferchen im Schooß der Rose, | |
| Alswie das Mückchen in der Zuckerdose, | |
| Hält mich die Lieb’ in Luft gefangen; soll ich | |
| Beklagen oder segnen meine Loose? – | |
| Ich trage deinen Traum in meinem Busen; | |
| Für andres ist kein Raum in meinem Busen, | |
| Mein Blut ist hin, ich trage wie der Becher | |
| Nur süßen Liebesschaum in meinem Busen. – | |
| Wenn ich dein Süßes durft’ erwerben nicht, | |
| O kargtest du mit deinem Herben nicht; | |
| Wenn mir, durch dich zu leben, wehrt das Glück, | |
| Mißgönnte mir’s, von dir zu sterben, nicht! – | |
| Ich lieg’ in eines bittern Meeres Grab; | |
| Nur Einen süßen Tropfen träufl’ herab! | |
| Du weißt es, die bescheidne Muschel macht | |
| Zur Perl’ ein Tröpflein, das die Wolk’ ihr gab. – | |
| Gestern war ich Atlas, der den Himmel trug, | Gestern war ich Atlas, der den Himmel trug, |
| als der Liebsten Herz auf meinem Busen schlug; | Als der Liebsten Herz auf meinem Busen schlug; |
| ihrer Augen Sonnen kreisten über mir | Ihrer Augen Sonnen kreisten über mir, |
| und wie Aether spielt um mich ihr Athemzug. | Und wie Aether spielt um mich ihr Athemzug. – |
| Oh zieh’ den Liebesknoten fester noch! | Oh zieh’ den Liebesknoten fester noch! |
| So lang ich athme, fand ich keine Ruh’ noch. | So lang’ ich athme, fand ich keine Ruh noch. |
| Lass mich in dir ausathmen! Mir fehlt etwas, | Laß mich in dir ausathmen! Mir fehlt etwas. |
| so lang ich etwas andres bin als du noch. | Solang ich etwas andres bin als du noch. – |
| Mir ist dein Kuss je länger, je lieber, | Mir ist dein Kuß je länger je lieber, |
| dein Arm ist mir je enger, je lieber. | Dein Arm ist mir je enger je lieber. |
| Zwar macht dein Kuss, der lange, mir bange, | Zwar macht dein Kuß, der lange, mir bange, |
| mir ist aber je bänger, je lieber. | Mir aber ist je bänger je lieber – |
| je bänger, je lieber. | |
| Meine Thränen fließen ohne Minderung, | |
| Meine Wunden bluten ohne Linderung. | |
| Mich am Sterben hindern könnte nur dein Blick, | |
| Doch er läßt mich sterben ohne Hinderung. – | |
| Die Wund’ ist mein, wozu den Pfeil du hast; | |
| Das Weh ist mein, wozu das Heil du hast. | |
| Ich suche dich, o sieh! die Hälfte Herz | |
| Ist mein, wozu das andre Theil du hast. – | |
| Der Hauch auf meinen Lippen ist nicht meiner, | |
| Ich hab’ ihn dir entathmet, er ist deiner. | |
| Dein Liebesodem und mein Sehnsuchtsathem, | |
| Zwei Hauche waren es, und sind nun einer. – | |
| Die Liebe sprach: Gib mir dein Herz, es soll genesen. | |
| Entfaltet wie ein Blatt hat sie mein ganzes Wesen. | |
| Mit einem Gruß an dich hat sie das Blatt beschrieben; | |
| O möchtest du einmal wie einen Brief mich lesen! – | |
| Du bist mein Tag, was könnte trüb mich machen? | |
| So oft du lächelst, muß die Welt mir lachen. | |
| Du bist mein Tag, o lächle, daß ich sterbe! | |
| Und lächle dann, ich will vom Tod erwachen. – | |
| Mein Tag! du mußt dich auch geberden heiter, | |
| Wenn es mir soll im Herzen werden heiter. | |
| Wenn um die klare Stirn du Wolken ziehest, | |
| Mein Tag! alsdann ist’s nicht auf Erden heiter. – | |
| Wenn du deine Augen schließest, welche meine Sonnen sind; | |
| Weiß ich nicht, ob du mir vorkommst blind, ob ich mir selber blind? | |
| Wie ein Kind dann möcht’ ich weinen, wie du mit geschlossenen | |
| Augen seltsam hold mir vorkommst, hülfsbedürftig wie ein Kind. – | |
| Liebster! daß vor mir du sterbest, siehst du wohl, es geht nicht an, | |
| Da ich weinen muß sobald du deine Augen zugethan. | |
| Da ich jetzo trocknen Auges sie nicht kann sich schließen sehn, | |
| Meinst du, daß ich ungebrochnen Herzens brechen sehn sie kann? |
relevant für die veröffentlichten Bände: II/4 Lieder op. 46 bis op. 56